12.12.2019 | Ausgabe 6/2019 (#94)

Potenziale der Stadt

Revitalisierung der Treptowers in Berlin: Direkt am Ufer der Spree gelegen, ist der 140.000 Quadratmeter große Bürokomplex neben der Monumental-Skulptur „Molecule Man“ schon von weitem sichtbar. Vernetzung als Stichwort der Zukunft sollte für den New-Work-Campus „CULE“ eine große Rolle spielen. Foto: CULE, caspar.schmitzmorkramer

Was können Architekten tun, um neue, spannende Orte in der Stadt zu schaffen? Die Frage nach der Weiterentwicklung der europäischen Stadt steht bei Caspar Schmitz-Morkramer im Fokus. Seine Bauprojekte wurden mit internationalen Awards ausgezeichnet. Das neueste Projekt: ein umfassender Lab.report zum Thema „Retail in transition – welche Potenziale ergeben sich für die Städte?“ Mit seiner eigenen research unit und internationalen Wissenschaftlern arbeitete der Architekt rund zwei Jahre an dem Thema.

Seine größte Öffnung erfährt „CULE“ auf der Flussseite. Der jahrelang mit einer Mauer verschlossene Zugang zur Spree wird durch eine 170 Meter breite Freitreppe inszeniert. Kleine Sitzgelegenheiten auf der Treppe laden zum Bleiben ein. Foto: CULE, caspar.schmitzmorkramer

Caspar Schmitz-Morkramer fordert die Abkehr von der funktionsgetrennten Stadt und die Entwicklung vielfältiger Aktionsräume. Wie kann man heute die Stadt weiterbauen, ohne dass es zu sozialer Entmischung und Gentrifizierung kommt? Wie kann gebaut werden, um das Wohnen, Leben und Arbeiten in einer sozial gemischten Stadt attraktiv zu machen? Das Büro caspar.schmitzmorkramer stellte sich diese Fragen auch bei der Revitalisierung der Treptowers für Officefirst, der deutschen Asset-Management-Plattform der Blackstone Gruppe in Berlin. Direkt am Ufer der Spree gelegen, ist der 140.000 Quadratmeter große Bürokomplex neben der Monumental-Skulptur „Molecule Man“ schon von weitem sichtbar.
Vernetzung als Stichwort der Zukunft sollte für den New-Work-Campus „CULE“ eine große Rolle spielen. So startete die Konzeptphase schon mit einem ungewöhnlichen Schritt: einer Tour nach Kalifornien ins Silicon Valley mit anschließendem Workshop der Architekturbüros Rios Clementi Hale Studios aus Los Angeles, den Landschaftsarchitekten Topotek1 aus Berlin und dem Team von caspar.schmitzmorkramer.
Bestimmend wurde für die Teams das Thema „break the fortress“. Die einst geschlossenen, schachtartigen Höfe werden geöffnet und durch den Rückbau des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses in einen öffentlichen Raum verwandelt. Ein 10.000 Quadratmeter großer Campus wird etabliert, der mit Gastronomie, Einzelhandel und außergewöhnlicher Gebäudegestaltung eine deutliche Einladung ausspricht.

Ein 10.000 Quadratmeter großer Campus wird etabliert, der mit Gastronomie, Einzelhandel und außergewöhnlicher Gebäudegestaltung eine deutliche Einladung ausspricht. Foto: CULE, caspar.schmitzmorkramer

Verbindung zwischen Stadt und Ufer

Darüber hinaus fungiert er als Verbindung zwischen Stadt und Ufer der Spree. Bei der Ausarbeitung dieser zunächst radikal erscheinenden Idee zeigte sich, wie wandelbar das Haus ist, das früher wie eine Festung wirkte. Die Architektur macht die Veränderung mit und erweist sich zudem als hoch flexibel. „Faszinierend war, das geschlossene Haus zu einem geöffneten, vernetzten Element umzudenken“, sagt Caspar Schmitz-Morkramer rückblickend.


Seine größte Öffnung erfährt „CULE“ auf der Flussseite. Der jahrelang mit einer Mauer verschlossene Zugang zur Spree wird durch eine 170 Meter breite Freitreppe inszeniert. Kleine Sitzgelegenheiten auf der Treppe laden zum Bleiben ein. So wird Offenheit und Lebensqualität inmitten der Stadt geschaffen und den Menschen Freiraum zurückgegeben. Auch für den nahegelegenen Treptower Park, der als Erholungsfläche an den Wochenenden Bedeutung gewinnt, schaffen die Treptowers durch ihr kulinarisches Angebot Mehrwerte. „CULE“ hat einen besonderen Nerv getroffen, weil es im Bereich der Revitalisierung und Öffnung derzeit kein vergleichbares Gebäude in Deutschland gibt“, so Schmitz-Morkramer.

Die Stadt zu öffnen und weiterzubauen, stand auch bei den Sedelhöfen in Ulm im Fokus. Gemeinsam mit den Bauherren DC Developments/DC Values entstand ein attraktives Eingangstor in die Ulmer City, das der Stadt mit einer Gesamtfläche von 80.000 Quadratmetern neue Identität und städtebauliche Bedeutung verlieh. Die Besonderheit ist, dass es hier keiner neuen Erfindung bedurfte. Denn statt der ursprünglich geplanten Citypassage interpretiert caspar.schmitzmorkramer die klassische, europäische Stadt neu. Vier Geschäftshäuser mit Handel, Büro und Wohnen gruppieren sich um einen urbanen Platz, der zugleich als Gelenk zwischen Bahnhof und Innenstadt fungiert. Da an diesem Ort auch Albert Einsteins Geburtshaus stand, lag die Namensfindung auf der Hand. Das Herzstück der Sedelhöfe ist jetzt der Albert-Einstein-Platz.

Ein Statement für moderne, vernetzte Stadtentwicklung: die Deiker Höfe in Düsseldorf. Ein neues Quartier, das die Blackhorse Properties GmbH mit 350 Wohnungen, Büros, Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie entwickelt. Foto: Deiker Höfe, caspar.schmitzmorkramer

Moderne und vernetzte Stadt

Ein weiteres Statement für moderne, vernetzte Stadtentwicklung sind auch die Deiker Höfe in Düsseldorf. Ein neues Quartier, das die Blackhorse Properties GmbH mit 350 Wohnungen, Büros, Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie entwickelt. Caspar Schmitz-Morkramer setzt auch hier auf Vielfalt. Ein lebendiges Viertel, in dem Städtebau als Disziplin und Kunst begriffen wird, Plätze entstehen, die menschliches Maß besitzen. „Wir möchten Orte schaffen, an denen sich die Menschen wohlfühlen, entwickeln und mit denen sie sich identifizieren können“, lautet das Credo.

Vor allem die Digitalisierung setzt die City als klassischen Mittelpunkt der europäischen Stadt weiter unter Druck. Wie schaffen wir neue Urbanität und erhalten das Leben in unseren Innenstädten?
Mit dem umfassenden Lab.report zum Thema „Retail in transition – welche Potenziale ergeben sich für die Städte?“ zeichnet das Büro Trends, Lösungswege und Zukunftsvisionen auf. Zwei Jahre arbeitete caspar.schmitzmorkramer mit internationalen Wissenschaftlern in einer eigens gegründeten research unit an dem Thema. Die Ergebnisse des Lab.report werden in diesem Herbst veröffentlicht.


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