14.11.2019 | Ausgabe 5/2019 (#93)

Minimalismus im Dornröschenschloss

Das Schloss aus dem 17. Jahrhundert dient künftig als Tagungs- und Exkursionsort. Foto: Joachim Deckert

Lern-, Forschungs- und Veranstaltungsort zugleich: Architektur-Studierende der Fachhochschule Erfurt entwerfen und realisieren neue Raumkonzepte für das über 300 Jahre alte Schloss Wiehe in der Nähe von Erfurt. Minimalistische Gästezimmer bieten einen inspirierenden Rückzugsort.

Die zusätzliche Wand bildet einen Zwischenraum. Der weiße schlichte Alkoven betont die reduzierte Raumgestaltung. Foto: Jörg Behrens

Eine Ideenwerkstatt der Hochschule und der Region: Mit dem Projekt Schloss Wiehe will die Fachhochschule Erfurt einen Ort für Tagungen und Exkursionen schaffen, der eine andere Lern- und Lehrsituation bietet als die gewohnte Umgebung aus Seminarräumen und Hörsälen. Das Schloss aus dem 17. Jahrhundert soll zukünftig unter anderem für Workshops, Unterbringungen von Stipendiaten und Gästen, Sommerfesten und Kompaktseminaren genutzt werden. Hinzu kam die Vision, diesen Ort mit allen Fakultäten der Hochschule gemeinsam zu entwickeln und zu nutzen.

Praxisnahe Planung

So wurde das Schloss Wiehe, das ursprünglich ein adeliger Familiensitz war und zu DDR-Zeiten als Schule und Wohnheim genutzt wurde, zum Hochschul-Projekt. Das Besondere dabei ist, dass die Teilnehmer ihre eigenen Raumkonzepte direkt vor Ort realisieren können und so neben der theoretischen Planung vor allem in der Praxis Erfahrungen sammeln. Im Zuge der Bachelor-Thesis haben sie insgesamt einen Monat Zeit für die Konzept- und Ausführungsplanung. Gemeinsam entscheiden sich die Studierenden in kleinen Gruppen für ein Konzept, das umgesetzt werden soll. Elektro- und Sanitärplanung, Möblierungs- und Beleuchtungskonzept sind inklusive einer dezidierten Werkplanung zu erarbeiten – zuzüglich Kostenschätzung und Ablaufplanung. Daran schließt sich die zweimonatige Realisierungsphase an. Währenddessen wohnen die Teilnehmer im Schloss, um sich vollständig auf das Projekt zu konzentrieren. Dafür stehen Feldbetten zur Verfügung.

Die flächenbündige Tür fügt sich optimal in das reduzierte Design des Musterzimmers. Foto: Jörg Behrens
Die einzelnen Elemente in Weiß und Champagnerfarben ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Foto: Joachim Deckert

Regionaler Bezug

Das Schloss in Wiehe wurde als Standort gewählt, da das Gebäude seit Mitte der 90er-Jahre leersteht und die Regionstruktur schwach ist. „Als Hochschule sehen wir uns in der Pflicht, nicht nur ferne Gedankenschlösser zu entwickeln, sondern auch die Probleme vor der eigenen Haustür anzugehen. Jenseits des konventionellen Studienalltags sollen hier alle Fachrichtungen ihre Stärken einbringen und ein ganzheitliches Ergebnis erzielen können, bei dem sowohl die persönliche Identifikation als auch die Vernetzung mit dem Ort im Vordergrund stehen,“ erläutert der Projektleiter Professor Joachim Deckert, Architekt bei dma deckertmesterarchitekten bda. So konnte die Hochschule gleichzeitig einen Ort zur Umsetzung ihres Projekts finden und einen Beitrag zur Stabilisierung der Region und zum Erhalt bedrohter, wertvoller Bausubstanz leisten.

Zusätzlich bietet sich das Schloss Wiehe mit dem reichlichen Raumangebot, dem Schlosshof und einem Riesen-Park für verschiedene Veranstaltungen an. Im Erdgeschoss befinden sich mehrere nutzbare Säle, eine Küche und WCs mit provisorischen Duschen. Das erste Obergeschoss befindet sich teilweise noch in der Bauphase. Hier gibt es zwei Aufenthaltsräume, die mit Leihgaben historischer Möbel ausgestattet sind. So bleibt dem Gebäude der altertümliche Charakter erhalten. Die zweite Etage mit gut 600 Quadratmetern befand sich am Anfang der Umbauarbeiten komplett im Rohbau und wird nun nach und nach von den Studierenden saniert. Mittlerweile wurden bereits drei Musterzimmer realisiert, die jeweils Platz für ein bis vier Gäste bieten. Dazu wurde die ursprüngliche Raumstruktur unterteilt, um neue, kleinere Räume zu erschließen.

Das moderne Bad befindet sich ebenfalls in der Fensternische. Foto: Jörg Behrens

Durchdachtes Raumkonzept

Das dritte Musterzimmer wurde im Sommersemester 2019 umgesetzt. Bei der Konzeptauswahl entschied sich die Hochschulgruppe für die Idee, die Außenwand zu verdoppeln und so weit in den Raum zu schieben, dass in den Zwischenraum Dusche, WC, Waschbecken und Schrank Platz finden. Dieses neue Element, der Alkoven, wurde ebenfalls in alten Burgen häufig als Sitzfläche genutzt. In dem Musterzimmer minimiert es die Eingriffe in den Raum und hebt sich als weißer, schlichter Körper ab. Grifflose Türen von Schrank und Bad unterstreichen die monolithische Erscheinung. Im Weiteren wurde der Unterzug parallel zur Außenfassade mit einem gewölbten Panel kaschiert. Minimalismus und helle Farben ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gestaltungskonzept Grund dafür ist, dass die Zimmer nicht als Aufenthaltsort, sondern als Ruhezone gedacht sind. Einen Arbeitsplatz gibt es nicht, da die Arbeit im Team stattfinden soll. Das reduzierte Design lässt Freiraum für Gedanken und Ideen.

Das nahezu schwebende Bett betont die Leichtigkeit des Raums. Foto: Jörg Behrens
Visualisierung Foto: Wingburg

Reduzierte Ästhetik

Optimal in dieses Konzept fügt sich die wandbündige Drehtür, die mit dem Innentürsystem Kontura von Wingburg realisiert wurde. Die zargenlose Optik und die verdeckt liegenden Türbänder entsprechen den Anforderungen an eine moderne Architektur. Durchdachte Features wie ein Einzugsdämpfer bieten maximalen Komfort. Der „Softclose“-Selbsteinzug entschleunigt das Türblatt kurz vor der Ruheposition und zieht es leise und elegant ins Schloss. „Insbesondere überzeugte das Drehtürsystem, weil es eine reduzierte Ästhetik ermöglicht. In der gleichen Farbe wie die Wand ist die Tür nahezu unsichtbar. Zusätzlich schließt sie geräuschlos und stört so keine anderen Gäste in den Nebenräumen“, erläutert Professor Joachim Deckert die Entscheidung der Studierenden. Neben der Tür wurden ebenfalls Türgriff, Lichtschalter und Steckdose flächenbündig ausgeführt, sodass ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Das nahezu schwebende Bett mit U-förmigen Nachttischen verleiht dem Raum Leichtigkeit.

Finanzierung und Sponsoring

Zur Finanzierung des gesamten Projekts wurde der Verein Landlab Schloss Wiehe von Professor Joachim Deckert gegründet. Die Mitgliedsbeiträge wurden im ersten Schritt für eine Anschubfinanzierung der Musterzimmer genutzt. Weitere Förderungen kamen vom Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz. Die Projektteilnehmer beschaffen die Materialien, die sie für die Umsetzung ihres Musterzimmers benötigen, eigenständig. Für das Mobiliar und einzelne Bauelemente konnten viele Sponsoren gefunden werden, beispielsweise der Hersteller Wingburg, Spezialist für fortschrittliche Innentürsysteme. Zudem wurde die Regel eingeführt, dass Hochschulgruppen kostenlos übernachten dürfen, wenn sie Arbeiten am Schloss, dem angrenzenden Park oder für die Gemeinde durchführen. Ansonsten wird ein Betrag an die Gemeinde gezahlt.

Grundriss 2. OG Grafik: Wingburg

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