14.11.2019 | Ausgabe 5/2019 (#93)

Schimmernd wie eine Makrele

An der Spree in Berlin ist ein neues Museum entstanden, das sich mit der Zukunft befasst. Foto: David von Becker

Das Futurium in Berlin ist ein „Museum für die Zukunft“ – es wartet mit einem ganzen Bündel an umweltfreundlichen Komponenten auf. Aber wie nachhaltig und damit zukunftsweisend ist es tatsächlich?

Berlins neueste architektonische Attraktion ist das „Futurium“. Es springt aus der Baulinie am Alexanderufer als einziges Gebäude zurück und bleibt zugleich deutlich niedriger als seine gleichförmigen Nachbarbauten: Das Futurium tanzt nicht aus der Reihe, sondern hinter sie zurück. Während alle Gebäude ringsum ihre Grundstücke so weitgehend wie möglich überbauen, hat sich das Futurium eine katamaranhafte Faltschachtel-Form zugelegt, die im Einerlei der Umgebung heraussticht – dafür bedarf es allerdings auch keiner Finesse. Das Futurium ist ein Fünfeck. In sein unregelmäßiges Pentagon ist im Grundriss ein einfaches Rechteck eingeschrieben. Interessant gestaltet ist besonders die Fassade zur Spree. Etwa 200.000 Besucher im Jahr soll sie anlocken und durch ihren Schlund in einen Zeittunnel in Richtung Zukunft katapultieren.

Prägend ist die schuppenförmige Anordnung
der Fassadenelemente, … Foto: Schnepp Renou
... deren Rautenform an die Schuppen einer
Makrele erinnert. Foto: Schnepp Renou

Drei Sphären

Die Reise zukunftsinteressierter Besucher führt vom gleißenden Foyer aus per Treppe oder Fahrstuhl hinauf in einen „Wirbel der Beschleunigung“ und in düstere Ausstellungsetagen über und unter dem Erdgeschoss zu den „drei Sphären“ im Haus, die „Lab“, „Ausstellung“ und „Forum“ heißen. Die Raumsequenzen führen hinauf und hinab und wieder hinauf: Böden aus geschliffenem Gussasphalt ergänzen Wände aus anthrazit eingefärbtem Sichtbeton. Im Erdgeschoss dominieren weiße Wände und Böden aus Weißzement-Terrazzo. Jeder Besucher bekommt einen RFID-Chip an das Handgelenk, der ihn durch die Ausstellung begleitet und an einer klugen Wissenschafts-Vermittlung entlang führt. Allein im Untergeschoss, wo sich das „Lab mit Showcase“, wie die Pressereferentin es nennt, befindet, ist ein magischer Ort entstanden: Abgekoppelt von der Realität liegt diese „Fledermaus-Höhle“ unter Tage und bietet einen „Maker Space“, in dem 3D-Drucker und Holzbearbeitungsroboter die unglaublichsten Modelle von Zukunftsstädten ausspucken. Der Rundgang endet in im hauseigenen Restaurant, in dem Insekten serviert werden.

Zwischen seinen Nachbarn gibt sich das Museum geradezu bescheiden und zurückhaltend. Foto: Schnepp Renou

Junge Architekten

Berlins neues „Museum der Zukunft“ ist das Werk der jungen örtlichen Architekten Christoph Richter und Jan Musikowski, für die der neue Vorzeige-Bau der Bundesrepublik ihr bislang einziges größeres gebautes Werk darstellt. Ihr Architekturbüro haben die beiden Jung-Entwerfer erst anlässlich ihres Wettbewerbsgewinns gegründet. Beide Architekten sind unter 45 Jahre alt. Richter Musikowski haben in ihrem Ausstellungsgebäude angesichts der Unmöglichkeit, „zukünftig“ zu bauen, langlebige und robuste Innenräume hinter einer diagonal geteilten Glasfassade versteckt, die schimmert wie die Schuppenhaut einer Makrele im Sonnenlicht.
Die 8000 rautenförmigen Gussgläser sind unterschiedlich dicht bedruckt. Weil die Fassade auch für alle Untersichten des auf zwei Seiten auskragenden Gebäudes verwendet wurde, wirkt das Futurium recht monolithisch. Neben den omnipräsenten Rauten sind es runde Punktraster, die polka-dot-artig einen zweiten gestalterischen Leitfaden überall im und am Haus bilden und unfreiwillig an Kinderkleidung erinnern. Das große Schaufenster in der Fassade hingegen bleibt schwarz und leer.

Die Ausstellungsbereiche sind teils dunkel, teils hell gestaltet. Foto: Schnepp Renou
Seinen Energiebedarf kann das Gebäude nur zum Teil selbst decken. Die Räume sind klimatisiert und künstlich beleuchtet. Foto: Schnepp Renou

Eingangstrichter in Richtung Spree

In Richtung Spreebogen und Regierungsviertel hat das Futurium einen großen Eingangstrichter, zum rückwärtigen Stadtbahnviadukt an der Charité wiederholen die Architekten diese Geste. Albert Speers „Große Halle des Volkes“, in deren Schatten das Grundstück des Futuriums liegen würde, blieb bekanntlich ewig im Futur. Die Brache gegenüber des Futuriums steht bis heute im Ruf, ein „schlechtes Karma“ zu haben, und ist deshalb immer noch unbebaut. Entlang dieser urbanen Leerstelle verlief bis 1989 die Grenze zwischen dem britischen und dem sowjetischen Sektor von Berlin.

Skulpturale Treppenanlagen verteilen Besucher in die oberen und unteren Räume. Foto: Schnepp Renou

Die Welt von morgen

Um „Fragen rund um die Welt von morgen“ in ihrem Neubau adäquat zu thematisieren, konnten die Architekten kaum anders, als eine praktikable, aber generische Black Box zu erstellen und sich um eine nachhaltige Bauweise zu bemühen. Dem robusten „Zukunftsgefäß“ wollten sie ein „glitzerndes, leichtes Kleid“ geben. „Energie“ gilt nicht erst seit gestern als wichtiges Zukunftsthema und soll in dem Neubau „erlebbar gemacht werden“, wie die Architekten es nennen.
Diese unsichtbare Materie haben die Architekten in Form eines begehbaren Dachs inszeniert. Es ist flächendeckend mit Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen belegt. Mit der so geernteten Sonnenergie wird ein Teil des Eigenenergiebedarfs des Gebäudes gedeckt. Als Batterie dient ein Latentspeicher aus Paraffin. Um die Wärmeenergie der Sonne und hausinterne Energiegewinne für den Betrieb des Gebäudes nutzbar zu machen, wird ein neuartiger Hybrid-Energiespeicher eingesetzt. Dieser vereint durch eine patentierte Makroverkapselung das latente Phasenwechselmaterial Paraffin mit dem sensiblen Speichermedium Wasser und erreicht dadurch die achtfache Kapazität von herkömmlichen Wasserspeichern.

Die Zukunft wird präsentiert als hoch technologisiert. Foto: Schnepp Renou
In den kommenden Jahren ist der Eintritt im Neubau am Spreebogen frei. Foto: Schnepp Renou

Wie nachhaltig ist der Bau?

Wird der Neubau „grün gewaschen“ oder ist er wirklich nachhaltig? Das wird allein die Zukunft des Futuriums zeigen. Der Betonbau basiert auf jeden Fall auf einem sehr energieintensiven und nicht wiederverwertbaren Baustoff und wird klimatisiert. Fast überall beleuchtet Kunstlicht die Räume im Futurium. Die Solaranlage auf dem Dach wird inszeniert. Allerdings ist die sägezahnartige Ausrichtung von Paneelen auf dem Dach architektonisch wie technisch überholt. Heute gibt es raffinierte Methoden, PV-Anlagen in Gebäude und deren Fassaden zu integrieren und ihnen zusätzlich Aufgaben als Brise-Soleil zu geben.
Das Futurium ist nicht energieautark und erst recht kein Plus-Energie-Haus. Die PV-Anlage reicht allenfalls für ein Viertel des Strombedarfs, de facto wird das Gebäude mit Gas beheizt. Der große Paraffin-Speicher zeigt sich als riesiger Block im Haus und wurde sogar mit einer interaktiven Fassade verkleidet. Die Verwendung von Paraffin als „Phase-Change-Material“ ist keine Pioniertat mehr. Im Futurium sind die Paraffin-Kissen nicht den Elementen ausgesetzt, geschweige denn kinetisch.
Welche Freianlagen mit dem Regenwasser bewässert werden sollen, ist ein Rätsel, denn es gibt auf dem Grundstück keine Vegetation. Das Futurium erreicht in der bundeseigenen Nachhaltigkeitsbewertung den Status „Gold“. Nur 0,18 kWh Primärenergie soll das Gebäude pro Quadratmeter und Jahr laut Simulation verbrauchen. Andere Gebäude weltweit sind da bereits weiter und produzieren mehr Energie, als sie verbrauchen.

Das Futurium in Berlin hat mit dem Museu do Amanha in Rio de Janeiro in Brasilien (gefördert von einem großen Ölkonzern) und dem Mirai-Kan in Tokyo zwei Schwester-Institutionen, an denen es sich orientiert. In Nürnberg soll nächstes Jahr ebenfalls ein „Museum der Zukunft“ eingeweiht werden. Während es an den bestehenden Häusern um Technik-Begeisterung und eine Leistungsschau der Wissenschaft geht, liegen die Dinge im Berliner Futurium komplizierter: Träger sind die Bundesregierung, wissenschaftliche Einrichtungen und eine Handvoll Großkonzerne, speziell aus der Chemie- und Pharma-Industrie. Wichtigster Träger des Futuriums ist das benachbarte Bundesministerium für Bildung und Forschung.

In wie weit das Haus tatsächlich nachhaltig und damit zukunftsweisend betrieben werden kann, wird sich noch herausstellen müssen. Foto: Schnepp Renou

Das Konzept des Gründungsdirektors war das Anthropozän, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf die Prozesse der Erde geworden ist. Auch für den jetzigen Direktor Stefan Brandt kommt es darauf an, dass Mensch, Technik und Natur im Futurium „zusammengedacht werden“, dass Gäste sich vieles besser vorstellen und ausprobieren können. Dadurch soll bewusst gemacht werden, „dass Zukunft gestaltbar ist“. In der zentralen „liquiden“ Ausstellung sollen „aktuelle Themen sichtbar gemacht“ und im Veranstaltungssaal zwischen Wissenschaft, Politik, Unternehmen und Bürgern diskutiert werden, so Brandt. Etwa 58 Millionen Euro kostet das Futurium die deutschen Steuerzahler. Hinzu kommt der Betrieb des Hauses, denn zumindest bis zum Jahr 2022 soll der Eintritt frei sein.


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