13.06.2019 | Ausgabe 02/2019 (#90)

Schöner baden

Das „Tröpferlbad“ in Wien diente einst all jenen zur Körperhygiene, deren Wohnung über kein eigenes Badezimmer verfügte. / Foto: Hertha Hurnaus

Das historische Tröpferlbad am Einsiedlerplatz aus dem Jahr 1890 wurde in ein Sommerbad  für Familien verwandelt. Hierfür entstand eine Spiel- und Beckenlandschaft in sanften Grüntönen, die wie eine „nasse Schublade“ und umgeben von altem Baumbestand dem Gründerzeitbau vorgelagert wurde.

Seit Juli 2018 werden jeweils während der Badesaison Teile des Einsiedlerparks zur Liegewiese verwandelt. Im Obergeschoss wurde ein kleiner Teil der ursprünglichen Nutzung als Brausebad neu errichtet und um eine Saunalandschaft für den Winterbetrieb erweitert.

Das Bad für alle ohne Bad Den Spitznamen „Tröpferlbad“ verdanken die Wiener Brausebäder dem damals oft schwachen Wasserdruck, denn nach großem Andrang tröpfelte es nur noch dürftig aus der Brause. Zu Zeiten, in denen Wohnungen mit Bad rar waren, versorgten die Volksbäder die rasant wachsende Stadtbevölkerung mit  Dusche und Wanne. Heute sind Wohnungen ohne Wasser und mit Gang-WC längst zur Seltenheit geworden, und der Gang ins Tröpferlbad bleibt für die wenigen gebliebenen Gäste ein liebgewonnenes Ritual.

Das historische Bad wurde generalsaniert und dient nun als Familienbad mit Sauna. / Foto: Hertha Hurnaus

Neue Nutzung
Mit der abnehmenden Nachfrage wurden auch die Brauseabteilungen der  Volksbäder verkleinert und – wie auch beim Einsiedlerbad – nach und nach um Saunabäder ergänzt. Die inzwischen nur noch sporadische Nutzung der Duschanlagen veranlasste die Stadt über weitere neue Nutzungskonzepte nachzudenken und so wurde 2016 ein Architekturwettbewerb zur Generalsanierung und Umnutzung des Einsiedlerbads ausgeschrieben. Es sollte neben der vollständigen Neugestaltung der beliebten Saunaanlagen im 1. Obergeschoss auch  in Familienbad für die Sommernutzung im Erdgeschoss umgesetzt werden. Eine Handvoll Duschen sollte im räumlichen Kontext des Saunabads jedenfalls erhalten bleiben.

Das Büro illiz architektur aus Wien und Zürich konnte das Verfahren mit einer konsequenten Idee für sich entscheiden:  Mit Bezug auf den innerstädtischen Kontext und aufgrund des beschränkten Platzangebots entwickelten sie die Beckenanlagen als massive Landschaft, die das Familienbad visuell aus dem umgebenden Einsiedlerpark heraushebt. Auf kompaktem Footprint werden Freibecken, Spritzdüsen und Wasserattraktionen wie in einer nassen Schublade zusammengefasst und in das Gebäude hineingeschoben. Um ein ansprechendes

Durch die großzügige Verglasung entstanden lichte, weite Räume. / Foto: Hertha Hurnaus

Spielangebot bereitstellen zu können, galt es, erfinderisch mit dem knappen Raum umzugehen: So wurden Teile des  ursprünglichen Erdgeschosses ausgehöhlt und in eine überdachte Wasserrutsche verwandelt, die den bestehenden Niveauunterschied zwischen Freianlagen und Hochparterre geschickt ausnutzt. Wie selbstverständlich werden notwendige Flächen für die barrierefreie Erschließung in die Geometrie der Schublade eingebettet – ein hellgrüner Pflasterbelag fügt Stufen, Rampen und Beckenumgänge zu einer Einheit.

Da das eigentliche Grundstück des Einsiedlerbads sich nur auf wenige Meter um das Gebäude beschränkt und sämtliche zur Verfügung stehenden Flächen von Becken beansprucht werden, mussten für die Liegewiese des Familienbads neue Konzepte entwickelt werden. Um möglichst ökonomisch mit der Mangelware Grünraum im dichten 5. Bezirk umzugehen, wird nun im Sommer ein Teil des öffentlichen Parks für die Liegewiese abgetrennt. Am Ende der Badesaison wird der Zaun wieder abgebaut und eingelagert und die Fläche steht für den Rest des Jahres allen Nutzern zur  Verfügung.

Im Gebäudeinneren wurde viel Ballast entfernt und die Baustruktur weitgehend entkernt. Kiosk und Kästchenhalle liegen nun in einer offenen und lichten  Raumabfolge um die Nebenräume im unbelichteten Gebäudekern. Vermauerte Oberlichter wurden wieder hergestellt und die typische Kappendecke bis zu ihrer ursprünglichen Höhe freigelegt. Entlang der Front zum Rutschbecken wird die Außenwand durch eine breite Verglasung ersetzt, die den Blick über die Planschbecken öffnet und Innen- und  Außenraum miteinander verschränkt.

Das einzige Stiegenhaus des Bads wurde von den vielen baulichen Anpassungen der Vergangenheit verschont. So sind bis heute viele originale Elemente erhalten geblieben und wurden auch im Zug der Generalsanierung nur, wo notwendig, und sehr behutsam saniert. Der offene Gang zwischen Stiege und straßenseitigem Haupteingang dient als Empfangszone, an welche auch der kleine Kassabereich für die Sauna- und Brausebadgäste angegliedert wurde.

Früher ging es „nur“ ums Baden und Duschen, heute spielen Gesundheit und Entspannung eine wichtige Rolle. / Foto: Hertha Hurnaus

Baden, saunieren, entspannen
Erst im 1. Obergeschoss verteilen sich die Besucher in die verschiedenen Umkleidebereiche: Das Tröpferlbad mit vier Umkleide- und Duscheinheiten nimmt den separat erschließbaren Raum an der Straßenfront ein und kann räumlich wie organisatorisch unabhängig von der Sauna betrieben werden. Über die zentralen Garderobenanlagen in der unbelichteten Gebäudemitte gelangen die Gäste in den Saunabereich, der sich dreiseitig um die Kernzone legt. In den seitlichen Flügeln sind Ruhebereich und Bistro untergebracht, die von blassgrünen Verglasungen vom zentralen Nassbereich getrennt werden. Dazwischen erstreckt sich die eigentliche Schwitz- und Abkühlzone wie ein in Falten liegender Vorhang. In seinen gefliesten Nischen finden sich die Zugänge zu Sauna- und Dampfkammer,  verschiedenste Brausen, sowie Fußwannen und Ruhebänke, Infrarotkabine und Kaltwasserbecken.

Ein Frischlufthof wird als Patio in den Ruheraum eingeschrieben und gewährt Blicke in den Himmel und in einen Baumwipfel – und verhindert umgekehrt unerwünschte Einblicke von den umgebenden  Häuserblöcken.

Farblich zurückhaltend und unaufgeregt bildet das Bad eine entspannte Kulisse für das vielfältige Badegeschehen. Allgegenwärtig bleibt das im Wiener Stadtraum charakteristische Resedagrün, welches das Gebäude in vielen Elementen – wie Fenstern, Portalen und Geländern – durchwirkt. Die Bespielung der Oberflächen liegt jedoch mehr  im Subtilen: Quadratische, silbergraue Fliesen von unterschiedlicher Größe fügen sich zu geometrischen Mustern an Wänden und Böden. Diese werden von einem Netz grün eingefärbter Fugen durchwebt, die sich zu Friesen und Feldern verdichten. Als Vorbilder hierfür dienten gründerzeitliche Ornamente, die auf zeitgenössisch  Weise umgedeutet wurden.


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