13.06.2019 | Ausgabe 02/2019 (#90)

Genossen Konstruktivismus

Das neue Gebäude der taz – ein markanter Bau im Kreativquartier. / Foto: Rory Gardiner

Die neue taz-Zentrale in Berlin, entworfen vom Architekturbüro E2A, hat ein ökologisches Haustechnik-System.

Das ist nicht nur als Zeichen für die Presse im Zeitalter des „fake news“-Vorwurfs zu verstehen, sondern auch symbolisch: In dem Tragwerk ist jedes Element gleich wichtig. Das Netz ist eine Struktur, in der alle Teile gleich viel zu leisten haben und  ur zusammen Stabilität erreichen. Es ist ein System ohne Hierarchie. Und genau das strebt auch die taz an.

Außenliegendes Tragwerk  
Durch das außenliegende Tragwerk kann im Innern auf aussteifende Wände verzichtet werden und weitgehend egalitäre Großraumbüros genutzt werden. Der Grundriss ist offen und ermöglicht eine Vielzahl von Arbeitsformen. Zentrum des Hauses ist eine große Treppe und an jeder Stelle können Nutzer auf die umlaufenden Balkone treten. Die Balkone werden berankt und dienen als Frischluftzelle und Raucherbalkon, aber auch zur Reinigung der Fassaden. Um den doppelgeschossiger Konferenzraum im ersten Obergeschoss herum liegen offene, große Ateliergeschosse. Im Erdgeschoss ist die „barocke“ Treppe einläufig, teilt sich im ersten Obergeschoss zu einer vierläufigen Treppe als „Fußgängerzone des Hauses“. Die Podeste sind Treffpunkte für den informellen Austausch und fördern die spontane Kommunikation. „Journalismus ist Quatschen auf dem Flur.“ – dieses Bonmot des berühmten Verlegers Henri Nannen scheint beim taz-Bau in Architektur übersetzt worden zu sein. Die innere „Arbeits- und Kommunikationslands chaft“ soll „das Arbeiten vor dem Computer als gemeinschaftliche Unternehmung erfahrbar“ machen, so die Architekten. Die Arbeitsatmosphäre gleicht einer Werkstatt: Die rohen Betonoberflächen blieben sichtbar. Ein Hohlboden erlaubt  alle Möblierungsvarianten.

Das Gebäude verfügt über ein ausgeklügeltes und effizientes Haustechniksystem. / Foto: Rasmus Norlander

Ins Quartier integriert  
Dem Austausch mit der Stadtgesellschaft dienen ein Laden und ein Café im Erdgeschoss, das von der Friedrichstraße und vom Besselpark aus zugänglich ist und das auch für öffentliche Veranstaltungen genutzt wird. Im obersten Geschoss des Neubaus befindet sich hingegen eine „taz.panorama“ genannte Halle mit Aussicht auf die Friedrichstadt und das Berliner Zeitungsviertel. Sie vereint Archiv, Serverraum, Bibliothek und einen Besprechungsraum mit Zugang zu einem Wintergarten. Die Fassade des „taz.panoramas“ ist rot hinterleuchtet und wird zum Signet des Hauses.

Ökologisches Konzept Als „links-alternative“ Zeitung war es dem Bauherrn wichtig, für die Haustechnik des Neubaus ein vorbildlich ökologisches Konzept zu finden. Entscheidend sind die Fassade und die thermische Speicherfähigkeit des Tragwerks. Die Heiz- und Kühlperioden werden kurzgehalten, mit „energiefreien“ Übergangszeiten. Die offene Büroanordnung gleicht Temperatur-Unterschiede zwischen den Himmelsrichtungen aus. Dennoch müssen die Büros im Sommer gekühlt werden. Dies geschieht über Umluftklimageräte mit Ansaug-Rohren entlang der Fenster. Die Länge der Geräte entspricht dem Achsmaß der Fassade, damit bei jeder Achse eine Trennwand angeschlossen werden könnte. Die wasserbasierten Wärmetauscher benötigen zur Raumkühlung auf 25°C im Sommer Wasser von nur 19°C. Durch dieses Temperaturniveau besteht keine Gefahr von Kondensation. Die Kühlleistung steht auch an schwülen Sommertagen im vollen Umfang zur Verfügung. Außerdem kann auf die Dämmung der Leitungen (Feinverteilung) verzichtet werden, was Platz und Kostn spart.

Im Winter werden die Räume mit den Umluftklima-Geräten geheizt. Derselbe Wärmetauscher ermöglicht tiefe Systemtemperaturen  mit 26-28°C Vorlauf, was Voraussetzungen für die Abwärmenutzung schafft. Das Change-over-System  erhindert Energievernichtung, die sich bei gleichzeitigem Heizen und Kühlen ergeben würde (ohne Regulierungen). Die Regulierung der Brüstungsklimageräte erfolgt mittels Ein/ Aus-Steuerung der Ventilatoren; wasserseitig sind keine Ventile notwendig. Der Sollwert der Heizung bzw. Kühlung kann bei jedem Gerät individuell vom Nutzer verändert werden. Die Ventilatoren sind hocheffizient (<3 Watt pro Gerät), geräuscharm, wartungsfrei und verlässlich. Sie haben eine garantierte störungsfreie Betriebsdauer von mehr als 100.000 Stunden, also für über 25 Jahre. Da die Luft weit oben im Raum angesaugt wird, werden keine Filter benötigt, die halbjährlich gewechselt werden müssten.

Die Reinigung der Wärmetauscher ist mit Staubsaugern möglich und je nach Bodenbelag nur alle zwei bis drei Jahre nötig. Sie sind durch aufklappbare   odengitter erreichbar. Durch Systemtemperaturen zur Raumheizung und Kühlung sowie der Wasserkühlung der IT können Synergien (Heizen/Kühlen) genutzt werden. Somit werden die  Energiebedarfe zum Heizen und Kühlen, die in Folge des teilweise ganzjährigen Kühlungsbedarfs gleichzeitig auftreten können, aufeinander abgestimmt. Eine Abwärmenutzung ist sichergestellt. Der Stromverbrauch für die Gebäudetechnik wird durch eine kleine Photovoltaikanlage  auf dem Dach gedeckt. Für die Gebäudetechnik wird über das Jahr gerechnet ein CO2-freier Betrieb erreicht.

Nasskühltürme im Untergeschoss Die Kälteerzeugung erfolgt mit 100 % freier Kühlung, also ohne Kältemaschine. Für  die Raumkühlung wurden Nasskühltürme im Untergeschoss gebaut. Mit dieser Kälteerzeugung wird ein „Coefficient of Performance“ (COP) von 30 – 80 erreicht. Bei extremen Wetterbedingungen im Sommer mit Feuchtkugeltemperaturen höher als 17° C können Kühlbedarfsspitzen durch ein unter der Bodenplatte vorgesehenes Erdregister gedeckt werden. Es wird im Winter frei vorgekühlt und dient als saisonaler Energiespeicher.

Einfache Lüftungsöffnungen in der Fassade ermöglichen Stoßlüftung. Um  Lüftungsverluste im Winter zu minimieren, wurden die Lüftungsklappen im Innern des Gebäudes vorgesehen. Das Treppenhaus wirkt als Zuluftkanal, der Frischluft von unten in die Geschosse fördert. Entlang der zentralen Steigzonen befinden sich zwei natürliche Abluftkamine, die die Abluft über Dach führen. Durch den Kamineffekt („Stack Ventilation“) wird eine natürliche Grundlüftung ermöglicht. Die Wärmerückgewinnung erfolgt mittels Kreislauf-Verbundsystem (KVS). Damit werden die Schachtquerschnitte reduziert und mehr räumliche Flexibilität erreicht. Auf den Geschossen erfolgt die Luftverteilung natürlich durch die offenen Räume. Dort, wo aus akustischen Gründen innenliegende Räume vorgesehen werden mussten, dienen Büro- oder Verkehrsflächen der kanallosen Luftverteilung.

Diese geschlossenen Bereiche holen sich Frischluft aus den umliegenden Räumen mittels aktiver Überströmelemente und lassen diese über passive Überströmer  unter der Decke wieder zurück in die Umgebung. Die Überströmer weisen gute Schalldämmwerte und minimale Druckverluste auf und haben einen Strombedarf von < 5W. Mit dem gleichen Präsenzmelder wie für das Ausschalten der Beleuchtung wird auch die Raumbelüftunggeschaltet. Dadurch lässt sich  ine bedarfsabhängige Lüftung realisieren und die Räume werden im Winter nicht zu trocken.

Markant und identitätsstiftend 
In Zeiten sinkender Auflagen für Printtitel soll der taz-Neubau helfen, eine architektonische Identität für das Medium zu formulieren. Das Architekturbüro E2A hat für die „taz“ im neuen „Kreativquartier“ am ehemaligen Berliner Blumengroßmarkt mit dem diagonalen Fachwerk aus Druck- und Zugstäben eine markante Architektur entworfen, die „ein Raumsystem ohne Hierarchien“ zeigt und ökologisch neue Wege geht.


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