14.03.2019 | Ausgabe 01/2019 (#89)

Naturverträglich

saniert

Wo früher Josef Neckermann seine Pferde auf Prüfungen im Dressurviereck vorbereitete, entstand im hessischen Dreieich vor kurzem ein neues Ausbildungszentrum für Springpferde. Die Anlage befindet sich in einem Landschaftsschutzgebiet und zeichnet sich durch eine nachhaltige Bauweise mit Holz, Natursteinen und der Nutzung von Erdwärme aus. / Quelle: Backhaus & Barnett Landschaftsarchitekten

Sanierungsprojekte stellen Planer vor große Herausforderungen. Geltende Auflagen müssen genauso  beachtet werden wie die Anforderungen des Bauherrn. Bei einem Reitstallanwesen im hessischen Dreieich kam erschwerend hinzu, dass sich das Areal in einem Landschaftsschutzgebiet befindet und seit fast 50 Jahren kaum verändert worden war.

Die neue Besitzerin, Melisa Internationales Reitzentrum  GmbH, verlangte den Einsatz von möglichst preiswerten Materialien. Gleichzeitig sollte ein ästhetisch anspruchsvoller Eindruck entstehen. Mit der Planung beauftragte die Gesellschaft das Landschaftsarchitekturbüro Backhaus & Barnett. Die ausführende Planerin wählte für die Gestaltung von Terrassen, Randeinfassungen und Stallausgängen Natursteinelemente der  raco Deutsche Travertin Werke GmbH aus: Der eingesetzte elegante „Limes Dolomit“ wird ohne chemische Zusätze  verarbeitet und erfüllt dadurch nicht nur die hohen Umweltschutzanforderungen  es Landschaftsschutzgebiets, sondern zeichnet sich außerdem durch gute chemische Beständigkeit, hohe Abriebfestigkeit und geringe Kratzempfindlichkeit aus.

Die mit der Neuplanung beauftragte Landschaftsarchitektin Annette Barnett stellte die Mensch-Pferd-Beziehung in den Vordergrund. Deshalb wurden zwischen Stall und Reitplatz erhöhte Terrassen für die Zuschauer errichtet. / Fotos: Backhaus & Barnett Landschaftsarchitekten

Materialwahl nach Bauherrenwunsch 
Umweltschutzaspekte spielen bei Neubau- und Sanierungsprojekten eine  zunehmend große Rolle. Viele Bauherren verlangen mittlerweile von den Planern, dass ein neues oder renoviertes Gebäude auf die Umgebung  abgestimmt wird. Zudem sind sonder angefertigte Bauteile aus Naturstein  preiswert und schnell herzustellen. Deshalb hat die Beliebtheit und Wertschätzung von natürlich abbaubaren Rohstoffen wie Holz und Naturstein erheblich zugenommen. Für die zuständigen Architekten ergibt sich dadurch eine reizvolle Aufgabe. Die Herausforderung  wird noch größer, wenn sich das Bauprojekt – wie im Fall des Springpferde-Ausbildungszentrums  – in einem Landschaftsschutzgebiet befindet. „Hier besteht die Herausforderung grundsätzlich darin, die zahlreichen Auflagen der Behörden und die Wünsche der Auftraggeber miteinander in Einklang zu bringen“,erklärt Annette Barnett, Gartenund  Landschaftsarchitektin sowie ausführende Planerin des Reitzentrums.  Im Vergleich zum Bau in einem  ausgewiesenen Gewerbegebiet ohne  umfassendere Schutzauflagen sind die Planungen umfangreicher und mit höheren Kosten verbunden. Die Verwendung von ausschließlich zertifizierten Baustoffen, die intelligente Koordinierung der Materialströme, die Planung der Zufahrten und Arbeiten im Bereich von Bäumen sowie Maßnahmen zum Artenschutz müssen entsprechend den Gegebenheiten und behördlichen Anforderungen durchgeführt werden.

Die Landschaftsarchitekten planten auch die beiden Außenreitplätze, die mit speziellen Rollrasen- und Tragschichtaufbauten errichtet wurden. / Foto: Backhaus & Barnett Landschaftsarchitekten

Neuplanung stellt Mensch-Pferd- Beziehung in den Vordergrund
Bei der Neuplanung des 25.000 m2 umfassenden  Geländes mussten zusätzlich einige Besonderheiten beachtet werden: „Die gesamte Anlage ist ein halbes Jahrhundert lang fast unverändert geblieben und hat durch die heruntergekommenen Gebäude viel an Attraktivität und Authentizität eingebüßt“, so die Landschaftsarchitektin weiter. Vor allem  in der Sportpferdebranche, die seit jeher für Exklusivität und Eleganz steht, wird von den Ausbildungsbetrieben jedoch  ein zeitgemäßes und stets gepflegtes Auftreten gefordert. „Zwar waren auch brauchbare Elemente wie die 300 m3 fassende Regenwasser-Zisterne zur gleichmäßigen Bewässerung des Sandplatzes vorhanden, doch die Stallgebäude konnten den heutigen Anforderungen an Trainings- und Haltungsbedingungen nicht mehr standhalten. Deshalb sollten sie komplett abgerissen und neu gebaut werden.“

Die Pferde sollten bei den Neuplanungen im Mittelpunkt des Interesses stehen. Dies bewog Barnett dazu, bei den Planungen einen besonderen Schwerpunkt  auf die Mensch-Pferd-Beziehung zu legen. Dazu wurden die Pferdeboxen so ausgerichtet, dass ein Großteil der Pferde mit Blick auf die Reitplätze oder ins Grüne untergebracht werden kann. Zwischen den Boxen und den Reitplätzen plante Barnett jeweils zwei größere, erhöhte Sitzbereiche. „Auf diese Weise können die Besucher die Pferde auf Augenhöhe in ihren Boxen und beim Training beobachten. Gleichzeitig sind die Wege  zwischen Stall und Reitplatz sehr kurz“, führt Barnett aus.

Ökologische Aspekte
Außerdem wünschten die Bauherren  die Verwendung natürlicher Materialien wie Holz und Naturstein sowie die Schaffung einer möglichst grünen Umgebung. Zudem durften auch die strengen Bauauflagen im Landschaftsschutzgebiet nicht außer Acht gelassen werden. Dies galt unter anderem für die Wahl der Terrassenplatten: Auch hier war die Verwendung von ausschließlichzertifizierten Baustoffen vorgeschrieben.  Für die beiden Sitzplattformen wählte die Landschaftsarchitektin deshalb den  alkstein „Limes Dolomit“. „Der Stein  weist eine sehr gute Ökobilanz auf, denn die Rohstoffe werden in Deutschland abgebaut sowie verarbeitet und haben dadurch kurze Transportwege“, erklärt Ulrich Klösser, Geschäftsführer der Traco  Deutsche Travertin Werke GmbH. „Daneben sind alle Natursteine zertifiziert und hemisch neutral, das heißt, die Steine  werden beim Abbau und bei der Weiterverarbeitung nur mit Wasser geschnitten und nicht mit chemischen Zusätzenbelastet.“ Sollte die Anlage in Zukunft  erneut umgestaltet werden, lassen sich die eingesetzten Natursteine problemlos wiederverwenden oder schadstofffrei entsorgen.

Gleichzeitig wird der Naturstein den hohen  ästhetischen Ansprüchen an die Gestaltung gerecht. Auch die mechanischen Eigenschaften spielten bei der Entscheidung eine Rolle: eine hohe Druck- und Abriebfestigkeit sowie eine ausgeprägte Frostbeständigkeit, was im Rhein-Main- Gebiet aufgrund der wetterbedingten häufigen Tauwechsel von besonderer Bedeutung ist. Auch Beständigkeit gegenüber Hufschlag sowie Rutschfestigkeit waren wichtige Faktoren – vor allem im Bereich der Stallausgänge, aber auch bei den Randbegrenzungen und den Stufen. Dafür erhielten die Steine eine gekordelte Oberfläche, die besonders rutschfest ist und gestalterische Akzente setzt, welche den Bauherren auf Anhieb gefielen. Auf diese Weise erfüllten die Steine nicht nur umweltschutztechnische Auflagen, sondern sorgen auch für ein besonderes  Ambiente.

Auf dem großzügig angelegten Gelände finden nun 26 Pferde Platz, die zu Springpferden
ausgebildet werden sollen. / Foto: Backhaus & Barnett Landschaftsarchitekten

Natursteine tragen zu einer nachhaltigen Sanierung bei Im Januar 2016 wurde nach Abstimmung  mit allen Behörden die Baugenehmigung erteilt, im Februar ein Jahr später konnten die Hochbauarbeiten – an Stall-, Wohngebäuden und Reithalle – fertiggestellt werden. Im Mai 2017 wurden auch die  Arbeiten an den Außenanlagen beendet, in denen nun 26 Pferde Platz finden. Dafür nahmen die Landschaftsarchitekten Backhaus & Barnett die komplette Planung der Außenanlagen vor – inklusive Eingriff-Ausgleichsplanung, Entwässerungsplanung, Lichtplanung sowie der technischen Ver- und Entsorgung der Gebäude. Auch die Hochbauplanung bezüglich Lage und Höhe der Stall- und Wohngebäude wurde durch das Landschaftsarchitekturbüro beeinflusst. Die komplette Neuplanung erfolgte ganz im Sinn der Nachhaltigkeit. „Zwar bedeutet die Erfüllung aller Auflagen in einem  Landschaftsschutzgebiet einen grundsätzlich höheren Aufwand, doch mit einer intelligenten und gut koordinierten Planung lassen sich die zusätzlichen Arbeiten auf ein Minimum reduzieren. Auch die Anforderungen der Bauherren, möglichst natürliche Materialien zu verwenden, konnten auf diese Weise umweltverträglich umgesetzt werden und haben zu einem ästhetisch anspruchsvollen Ergebnis geführt“, erklärt Barnett abschließend.


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