14.08.2018 | Ausgabe 04/2018 (#86)

Die Macht der Farben

Farben prägen unser Leben und damit auch die gebaute Umwelt / Foto: Scott Tobin/Unsplash

Farbe zu verstehen, heißt nicht nur, zu wissen, was sie bedeutet, sondern – noch wichtiger – zu wissen, wie sie funktioniert. Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Design, Farben und Nachhaltigkeit und wie lässt sich dies für die Entwicklung neuer Kreationen nutzen?

Farbe als Gestaltungskonzept – konsequent bunt und vielfältig. / Foto: Scott Webb/Unsplash

Alles beginnt im Kopf
Es gibt Farben, die machen gute Laune oder regen den Appetit an. Was ist ihr Geheimnis? Und warum werden in Onlineshops so viele Kleidungsstücke zurückgeschickt, weil die Farbe auf der Webseite ganz anders wirkte, als sie in echt aussieht? Die Psychologie der Farbe ist etwas, das schon seit vielen Jahren erforscht wird und immer wieder neue Erkenntnisse über ihre heimliche Macht liefert: Was Farbe für jeden einzelnen bedeutet und welche Gedanken und Gefühle damit verbunden sind, wird im Gedächtnis festgelegt. Sie bestimmen das Erlebnis von Selbst und Umwelt, erzeugen Assoziationen und steuern Handlungen, ohne dabei selbst als eigentliche Ursache wahrgenommen zu werden. Doch tatsächlich lassen sich „schöne Farben wohlwollend spüren oder man kann „unappetitlichen“ Farben mit einem gewissen Widerwillen begegnen. Bereits bei der Geburt beginnt die Reise der Farbwahrnehmung, da mit dem Eintauchen in das Licht der Welt auch die Interaktionen mit der sichtbaren Umwelt beginnen und Mensch anfängt, zu spüren und wahrzunehmen. Das sogenannte Farbgedächtnis bildet somit einen wichtigen Teil der Lebenserfahrung jedes Menschen und ist eine zuverlässige Basis für das eigene Handeln.  

Für jeden Zweck eine Farbe?
Moodbilder von Lebensmitteln werden häufig in warmen Farben gehalten, um das Hungergefühl des Betrachters zu stärken. Erfolgreiche Restaurants setzen nicht nur auf eine exzellente Karte, sondern auch auf ein Interieur, das ihre besondere Qualität unterstreicht. Je effektiver ein Restaurantdesign mit Farbe ein Image aufbaut, Ambiente schafft und den Appetit der Kunden anspricht, desto größer sind die Chancen auf langfristigen Erfolg. Farbe stimuliert also zusätzlich die Sensorik und ist psychologisch mit dem Geruchssinn und damit auch mit dem Appetit verbunden. 

Damit wird sie zu einem mächtigen Designwerkzeug für (Innen-) Architekten, Produktentwickler oder auch Kommunikationsbeauftragte. Eine Studie von 2012 in Deutschland ergab, dass nur ein Blick auf natürliche Grüntöne Kreativität und Motivation fördern kann. Ein weiteres gutes Beispiel ist die solare Ausrichtung eines Raums und ihre Auswirkungen auf die Farbwiedergabe. So haben nach Norden ausgerichtete Räume einen bläulichen  arbton, weil das Außenlicht vom Himmel reflektiert wird. Designer, aber auch Kommunikatoren sollten sich bei ihren Planungen daher immer fragen, welche Gefühle und Emotionen sie bei ihren Zielgruppen auslösen wollen. Es reicht nicht, das Farbkonzept erst zum Ende der Entwurfsphase zu integrieren. Für ein ganzheitliches und spürbares Ergebnis sollten Farben bereits während der Ideenentwicklung einbezogen werden. 

Positive Umwelteffekte durch Farben?
Losgelöst von der ästhetischen Kraft gewinnen Farben auch in den Bereichen Umweltschutz und nachhaltiges Design an Strahlkraft. Besonders interessant sind hier Studien über thermische Behaglichkeit und Energieeinsparung in Verbindung mit Farben. Dunklere Farbe absorbiert mehr Licht und erfordert mehr künstliche Beleuchtung, sodass hellere Farbtöne, etwa an Decken, Energie sparen können. Ein einfacher Farbtrick mit weitreichenden Folgen: Nach Aussage des US-Energieministers würde eine Farbaufhellung aller Dächer und Bürgersteige in den Vereinigten Staaten die Emissionen ebenso stark reduzieren wie das Verbot sämtlicher Fahrzeuge für elf Jahre. Auch andere Industriezweige haben dieses Innovationspotenzial (nicht nur) als Wettbewerbsvorteil für sich entdeckt, wie etwa in der Textilbranche. Bei lösungsgefärbtem Garn, wie zum Beispiel bei ECONYL®-Garnen, wird der Farbstoff vor dem Extrudieren der Faser in die Polymere eingebracht. Sowerden insbesondere auch die Innenseiten der Garne gefärbt. Das bedeutet, dass es fast unmöglich ist, die Farbe aus dem Teppich auszubleichen. Damit bleiben Textilien wesentlich länger in ihrer ursprünglichen Schönheit erhalten. Sie müssen seltener ausgetauscht werden und können nach innovativen Cradle-to-Cradle-Verfahren wieder in den Kreislauf eingeführt werden. Besonders heutige Generationen sind in ihren Kaufentscheidungen sehr kritisch und suchen gezielt nach Angeboten mit nachhaltigem, umweltfreundlichem Kern. Für Marken ergibt sich daraus ein vielversprechender Wettbewerbsvorteil, auf intelligente Farbkonzepte zu setzen bzw. Innovationsprozesse in ihren eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen voranzutreiben.  Farben sind eng mit der Historie verbunden, mit der Originalität, dem Einfallsreichtum und visionärem Denken der Gesellschaft. Genau das sind die Eigenschaften, um eine sinnhafte Zukunft zu gestalten. Die Kombination von Ästhetik und nachhaltigem Design wird zu einem immer wichtigeren Hebel in den gestaltenden, aber auch produzierenden Branchen.

Farben sind eng mit der Historie verbunden, mit der Originalität, dem Einfallsreichtum und visionärem Denken der Gesellschaft. Genau das sind die Eigenschaften, um eine sinnhafte Zukunft zu gestalten. Die Kombination von Ästhetik und nachhaltigem Design wird zu einem immer wichtigeren Hebel in den gestaltenden, aber auch produzierenden Branchen. Farben sind hier ein sehr wirkungsvolles Bindeglied. Denn eine intelligente Farbwahl kann zu Charakter, Wohlfühlen, Wegfindung, Stimmung, Wartung und finanziellen Einsparungen auf einmal beitragen   


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