13.04.2018 | Ausgabe 02/2018 (#84)

Regionale Baukultur als Zugpferd für nachhaltigen Tourismus

Bild: Johannes Kästel

Bild: Johannes Kästel

Nachhaltigkeit liegt im Trend – auch beim Thema Reisen. Das Projekt Katzensprung will zeigen, dass es attraktive und nachhaltige Urlaubsangebote auch vor der eigenen Haustür gibt und man für manche Sehnsuchtsorte nicht ins Flugzeug steigen muss.

Wer durch Deutschland reist, um nach nachhaltigen Urlaubsangeboten Ausschau zu halten, begegnet vielen interessanten Menschen – zum Beispiel Johannes Kästel. Der ehemalige Polizist hat mitten im Naturpark Ammergauer Alpen ein Naturhaus mit Ferienwohnungen und Naturpark-Garten gebaut – ausschließlich aus heimischen Hölzern und Gesteinsarten. Die Attraktion für alle, die zum ersten Mal hier zu Gast sind: Mitten im Haus gibt es einen geschälten Fichtenstamm, den die Gäste umarmen können, um der Natur und dem besonderen Baumaterial ganz nah zu kommen.

Im nördlichen Schwarzwald genossen Martina Leicher und Nicole Isermann ihren Spaziergang auf dem Baumwipfelpfad.
Bild: Katzensprung

Nicole Isermann vom Verband Deutscher Naturparke gehört zum Bereisungsteam des Projekts „Katzensprung – Kleine Wege. Große Erlebnisse“. In zehn Naturparke in Deutschland sucht sie mit ihren Kollegen nach nachhaltigen Tourismusangeboten. Das sind nicht nur Unterkünfte, sondern auch Sehenswürdigkeiten, Naturlandschaften, Aktivitäten oder Mobilitätsangebote. Das Ziel des Projekts Katzensprung: Zeigen, dass es in Deutschland eine große Vielfalt an nachhaltigen Reiseangeboten gibt und dass man nicht für jeden Reisewunsch ins Ausland fliegen muss. Damit möchte Katzensprung einen Beitrag zum Klimaschutz im Tourismus leisten. 

Ein besonderes Erlebnis: Im Winter ist die Heidelandschaft idealer Ort für lange einsame Spaziergänge.
Bild: VDN/Petra Dindas

Die erste Bilanz der Bereisungen sei beeindruckend, so Martina Leicher, Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Compass, die ebenfalls an den Bereisungen teilnimmt. Neben traumhaften Mittel- und Hochgebirgslandschaften hätten der gelungene Aufbau von Regionalmarken im Tourismus, nachhaltige Mobilitätsangebote, spannende klimaschonende Übernachtungsmöglichkeiten und vor allem die vielen engagierten Akteure vor Ort begeistert. Klimaschutz und Nachhaltigkeit finde im Tourismus auf allen Ebenen der Servicekette statt.

Baumhäuser locken als besonderes Übernachtungsangebot viele Gäste an und bieten ein unvergessliches Naturerlebnis.
Bild: www.baumhaus-schaeferwagen.de/Irmelin Sloman

Unterkünfte sind zwar nur ein Teil der touristischen Leistungskette, aber dafür ein besonders wichtiger: Zum einen fungieren die Gastgeber gegenüber den Gästen als Türöffner für ihre Region, zum anderen sind besondere Unterkünfte auch Attrak­tionen, um die sich spannende Geschichten ranken und die so das Image einer ganzen Region prägen können. Häufig sind besondere Unterkünfte sogar der entscheidende Reiseanlass. 

Mitten auf der Streuobstwiese im Naturpark Hessische Rhön können Gäste in diesen Schäfer­wagen eine ganz besondere Übernachtung erleben.
Bild: Jürgen Krenzer

Alles rund ums Schaf

Jürgen Krenzer ist so ein Gastgeber, der seine Region verändert hat. In den 90er-Jahren suchte er nach einem Alleinstellungsmerkmal, um den kleinen Landgasthof in der Rhön, den er von seinen Eltern übernommen hatte, überlebens- und zukunftsfähig zu machen. Er entwickelte eine Marke, in deren Mittelpunkt eine für die Region und die regionale Entwicklung zentrale Tierart steht: das rauwollige Rhönschaf. Seither setzt Krenzer mit seinem Rhönschafhotel Schritt für Schritt und sehr konsequent ein nachhaltiges Hotelkonzept um, das sich an den regionalen Gegebenheiten orientiert – von der Speisekarte bis zur Bausubstanz. 

Im Zimmer Rhönesien gibt es nicht nur eine echte Mooswand.
Bild: Jürgen Krenzer

In den von heimischen Handwerkern eingerichteten „Rhönesien“-Zimmern fühlen sich die Gäste fast wie im Wald. Eine echte Mooswand, angelehnt an die moosbewachse nen Basaltsteine der Rhön, ziert das Zimmer mit Boden und Möbeln aus heimischem Ahornholz. Viele Gäste entscheiden sich ganz stilecht für die Übernachtung in einem der liebevoll eingerichteten Schäferwagen auf der Streuobstwiese, die ebenfalls zum Hotel gehören und die die Übernachtungskapazitäten des Rhönschafhotels – ganz umweltverträglich und mit überschaubarem Invest – erweitern. Nachhaltiges Bauen ist für Hoteliers wie Jürgen Krenzer ein fester Bestandteil ihres Firmenleitbilds, das über viele Jahre hinweg in kleinen Schritten umgesetzt wird.

Nachhaltiges Bauen im Tourismus

Die Bereisungen im Katzensprung-Projekt zeigen: Die Naturparks halten nicht nur ihre Hoteliers zur Nachhaltigkeit an. Auch bei eigenen Bauprojekten setzen sie auf Nachhaltigkeit. Im Naturpark Barnim ist so das Barnim Panorama entstanden, ein Nullemissionsgebäude, das Besucherzentrum und agrarhistorisches Museum vereint. Die Architektur ist angelehnt an die für die Region charakteristischen Dreiseitenhöfe mit Haupthaus, Stall und Scheune. Als Baumaterial kamen regionaltypische Ziegel und nachwachsende Materialien wie Holz und Stroh zum Einsatz. Das Besondere: Als Nullemissionsgebäude kann das Museum CO2-neutral betrieben werden. Bei der Gestaltung der Außenanlagen wurde der vorhandene Baumbestand erhalten und durch heimische Pflanzen und Gehölze ergänzt.

Die abwechslungsreiche Landschaft im Naturpark und in der Biosphärenregion Rhön ist immer noch ein Geheimtipp für Natururlaub.
Bild: VDN/Werner

Abenteuer Deutschland

Das Naturhaus in den Ammergauer Alpen, Krenzers Rhönschafhotel und das Barnim Panorama sind keine Einzelbeispiele. Anliegen des Projekts Katzensprung ist es, möglichst viele ähnlich spannende und wegweisende Reiseangebote zu sammeln und in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Über einen Leuchtturm-Wettbewerb hat das Projektteam dafür auch über die Grenzen der 10 Partner-Naturparke hinaus viele gute Beispiele gesammelt. An dem Wettbewerb haben sich neben Unterkünften auch Reise- und Mobilitätsanbieter, regionale Produzenten, Initiativen oder Verbände beteiligt – alle, die sich vor Ort für Klimaschutz engagieren und dies mit besonderen Urlaubserlebnissen verbinden.
50 dieser Leuchttürme werden ab dem Frühsommer 2018 auf der Katzensprung-Webseite vorgestellt. Das Ziel ist es, zu zeigen, dass es in Deutschland zahlreiche Sehnsuchtsorte und attraktive, nachhaltige Urlaubsangebote gibt. So sollen möglichst viele Menschen dazu motiviert werden, erst einmal in der Nähe zu schauen, bevor sie für eine Fernreise ins Flugzeug steigen.

In immer mehr Naturparks wird beim Bau auf Nachhaltigkeit geachtet. Ein Beispiel ist das Barnim Panorama, ein Besucherzentrum im Naturpark Barnim.
Bild: Gemeinde Wandlitz

Damit liegt Katzensprung im Trend, denn Urlaub in Deutschland ist beliebt wie schon lange nicht mehr. Jüngst teilte das statistische Bundesamt mit, dass die Übernachtungszahlen in deutschen Unterkünften 2017 zum achten Mal in Folge gestiegen sind. Das ist gut für den Klimaschutz, denn wenn die Deutschen Urlaub in der Nähe machen, senkt das die CO2-Emissionen im Tourismus erheblich. Wenn außerdem Unterkünfte und Attraktionen vor Ort klimaschonend gebaut und betrieben werden, profitieren Klima und Umwelt gleich doppelt.

Aber nicht nur für die Umwelt sind Investitionen in nachhaltige Technik und eine ökologische Bausubstanz ein Gewinn. Vieles rechnet sich auch wirtschaftlich. So zeigt zum Beispiel eine Umfrage der Buchungsplattform Opodo, dass 76 % der Deutschen bereit sind, für umweltfreundliche Leistungen im Urlaub mehr Geld zu bezahlen. 14 Prozent der Deutschen, so eine Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V., berücksichtigen bei der Urlaubsplanung übrigens schon den Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit. 

Der Naturpark Hessische Rhön mit seinem Sternenpark ist dank klarer Luft und geringer Lichtverschmutzung besonders gut zur Sternebeobachtung geeignet.
Bild: A. Mengel

Know-how weitergeben – die Katzensprung-Factsheets

Damit zukünftig auch andere Tourismusanbieter vom vorhandenen Know-how profitieren könnten, werde es ab Frühjahr 2018 Factsheets geben, die zeigen, worauf man bei der Schaffung von nachhaltigen touristischen Angeboten achten müsse und wie sich solche auszahlen, so Nicole Isermann vom VDN. Eines der Factsheets wird sich dem Thema Energieeffizienz in der Hotellerie widmen. Es wird darüber informieren, wie Hotels selbst nachhaltige Energie gewinnen und ihren Verbrauch reduzieren können.

Die vielen erfolgreichen Beispiele aus den Bereisungen und dem Leuchtturm-Wettbewerb zeigen, dass es ein beträchtliches nachhaltiges Angebot im Tourismus gibt und dass nachhaltig agierende Tourismus-Unternehmen interessante Zugpferde für ihre Regionen sein können. Jürgen Krenzer hat es mit seinen Schäferwagen vorgemacht und Erfolg führt bekanntlich zu Nachahmern. Inzwischen bieten auch andere Hoteliers Schäferwagen als exotische Übernachtungsmöglichkeit an und leisten damit einen Beitrag zu Klimaschutz und wirtschaftlichem Aufschwung in der Region.

Das Projekt Katzensprung

Um gute Beispiele für nachhaltigen Deutschlandtourismus zusammenzustellen und bekannt zu machen, haben die Compass GmbH, ein Beratungsunternehmen im Tourismusbereich, der fairkehr Verlag, Herausgeber des nachhaltigen Reisemagazins anderswo, die Agentur für nachhaltige Kommunikation tippingpoints sowie der Verband Deutscher Naturparke e.V. (VDN) das Projekt Katzensprung – Kleine Wege. Große Erlebnisse. ins Leben gerufen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit aufgrund eines Beschlusses des deutschen Bundestags im Rahmen des Förderprogramms für innovative Klimaschutz-Einzelprojekte der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) gefördert.
Mehr Infos zu Katzensprung und tolle Reiseinspirationen gibt es online: www.katzensprung-deutschland.de


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