01.04.2015 | Ausgabe 04/2015

Editorial: Masterplan gesucht

Harald Link

Harald Link

Liebe Leserinnen und Leser,

vor allem aber liebe Regierungskoalition in Berlin: Wie geht es denn jetzt weiter mit dem einst so zentralen Thema „Energiewende“? Das jüngst im Koalitionsausschuss gestoppte Vorhaben, die energetische Gebäudesanierung steuerlich zu fördern, ist ein Indiz dafür, dass es der großen Koalition nicht mehr ganz so wichtig ist wie vor der letzten Bundestagswahl, ein zentrales Zukunftsthema unserer Gesellschaft wirkungsvoll voran zu bringen. Die endlosen Diskussionen um die Notwendigkeit (oder auch die „Nicht-Notwendigkeit“) neuer Stromtrassen im Land sind ein weiterer Anhaltspunkt: Es gelingt der großen Koalition ganz offensichtlich nicht, konzeptionell, strukturell und vor allem auch bei der Umsetzung wirkungsvoll voran zu kommen. Die Posseum die angekündigte Abschaltung von Deutschlands modernstem Gaskraftwerk in Irsching setzt dem Ganzen dann ein Krönchen auf, bei dessen Anblick man sich verwundert die Augen reiben muss: Gaskraftwerke sollten doch eigentlich einen wesentlichen Part in der Energie-Infrastruktur übernehmen. Oder jetzt doch nicht mehr?

Die Parteien der großen Koalition stellen in nahezu allen Bundesländern die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten. Beste Voraussetzungen also, so könnte man meinen, um geschlossen und zielstrebig ein epochales Projekt –und das ist der Umbau der Energieversorgung – voran zu bringen. Stattdessen gibt die regionale Kirchturmpolitik den Ton an und wirft in schöner Regelmäßigkeit Knüppel zwischen die Beine. Diese sind mal weiß-blau angemalt und fliegen in bester Seehofer’scher Manier unberechenbar kreuz und quer, oder sie sind verrußt und riechen nach Stein- und Braunkohle und haben das Ziel, alte, wenig zukunftsfähige Branchen und Technologien noch ein klein wenig länger am Leben zu halten. Was dieses Land aber braucht: nicht die kleinen Stöckchenwerfer, sondern einen großen Wurf. Einen energiepolitischen Masterplan. Die hierfür notwendige Kraft scheint derzeit allerdings keiner der Akteure im Kreuz zu haben. Weshalb uns all die vielen kleinen Stöckchen demnächst gewaltig auf die Füße fallen werden – und wenn nicht uns, dann ganz gewiss der nächsten Generation, die die Versäumnisse von heute wird ausbaden müssen.

Harald Link
redaktion@greenbuilding-magazin.de


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