01.05.2014 | Ausgabe 05/2014

Editorial: Wohnen, Schlafen, Kind 1, Kind 2

Harald Link

Harald Link

12,9 Prozent mehr Baugenehmigungen für Wohnungen als im Vorjahr gab es in Deutschland 2013. Das ist die gute Nachricht für alle, die insbesondere in den Ballungsräumen nach bezahlbarem, modernen Wohnraum suchen. Mehr Wohnungsbau: ein (kleiner) Trend, der immerhin schon seit 2010 anhält.Etwas mehr als 235.000 Baugenehmigungen gab es im Neubau-Sektor, ein deutliches Plus von 11,5 Prozent gegenüber 2012. Und – auch das durchausbemerkenswert: Es wird mehr Wohnraum in neuen Mehrfamilienhäusern geschaffen(+ 22,5 Prozent) als in Einfamilien- oder Doppelhäusern.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die, die für dichtere Städte sorgt und denWunsch vieler Menschen bedienen dürfte, lieber wieder „in der Stadt“ zuwohnen als in Einfamilienhaus-Ansammlungen in den Vororten und Schlaf-Siedlungen. Auf der anderen Seite kämpfen viele Kommunen mit schrumpfenden Einwohnerzahlen, mit überdimensionierten Infrastrukturen, mit Leerstand, mit dem demografischen Wandel.

Wohnbedürfnisse und Arbeitssituationen wandeln sich schneller denn je. Auch Familienstrukturen sehen heute vielfach nicht mehr so aus wie vor 20 oder 30 Jahren. Da müsste man eigentlich annehmen, dass auch auf dem Wohnungsmarkt Experimentierfreude herrscht, dass ein breites Angebot unterschiedlicher Konzepte auf die sich verändernden Anforderungen eingeht.Zum Teil gibt es die auch, diese neuen Ansätze, diese flexibleren Grundrisse,diese neugierigen, innovativen, außergewöhnlichen Herangehensweisen, die aus dem Grundriss-Schema Wohnen, Schlafen, Kind 1, Kind 2 ausbrechen –Letzteres ein 08/15-Konstrukt, das jeder Architekturstudent bereits im ersten Semester so skizzieren kann, dass es „funktioniert“. Planerisch wenig herausfordernd also.

Fortschritt ist in Sachen Energieeffizienz und lokaler Energieerzeugung zu verzeichnen, beim Einsatz intelligenter Haustechnik und wohngesunder Baumaterialien .Eher wenig, so der Eindruck, tut sich derzeit konzeptionell. Die demografischen Herausforderungen, der oft vorhandene Wunsch nach mehr Möglichkeiten für die (gemeinsamen?) Kinderbetreuung, Mehrgenerationenwohnen,besondere Bedürfnisse von Patchwork-Familien, Singles oder älteren Menschen, atmende, wachsende, flexible Grundriss-Strukturen, gemeinschaftlich-genossenschaftliches Bauen – all das findet vereinzelt statt, aber es bleibt dabei noch immer die exotische Ausnahme. Liegt es an den Investoren,an den Architekten, an Angebot und Nachfrage? Oder ist den Wohnenden das Gewohnte vielleicht doch das Liebste?

Harald Link
redaktion@greenbuilding-magazin.de


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