01.07.2013 | Ausgabe 7-8/2013

Unerhörte Lebensräume

Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit und Behaglichkeit

Kommunikation, Konzentration und Artikulation sind in Kitas unverzichtbar, erfordern aber geeignete akustische Raumbedingungen

Unerhörte Lebensräume

Kommunikation, Konzentration und Artikulation sind in Kitas unverzichtbar, erfordern aber geeignete akustische Raumbedingungen

Die globalen Entwicklungen sind eindeutig: Gebäude werden künftig zunehmend energie- und ressourceneffizient gebaut und betrieben. Recycling wird ein fester Bestandteil des Lebenszyklusses sein. Mit diesen Themen beschäftigt sich seit vielen Jahren Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Werner Sobek, dem dieser Artikel aus Anlass seines 60. Geburtstags gewidmet ist. Die Autoren greifen ein wesentliches Kriterium der Baukultur heraus: das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit und Behaglichkeit. Einen häufig als dominant wahrgenommenen Einfluss auf die Bewertung von Räumen nimmt dabei die akustische Situation ein.

Schaut man sich die globalen Trends wie Energie- und Ressourcenverknappung sowie weltweite Urbanisierung an, so wird längst jedem, der über seine Zukunft nachdenkt, klar, dass sich auf unserem Globus und auch in seiner direkten Umgebung vieles verändern muss und auch verändern wird. Unsere Gebäude werden in zunehmendem Maße energieeffizient und in der Folge ressourceneffizient gebaut und betrieben. Recycling ist in zukünftigen Baukonstruktionen nicht mehr wegzudenken, Werkstoffe werden leichter. All dieser Thematiken widmet sich mit großem Engagement seit vielen Jahren Werner Sobek, dem dieser Artikel gewidmet wurde. Er greift ein ganz wesentliches Kriterium unserer Baukultur heraus, nämlich dem eigentlichen Zweck unseres Baugeschehens: dem menschlichen Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit und Behaglichkeit. Daher ist es mehr als verständlich, dass sich zukünftiges Bauen – neben der Erfüllung all jener Herausforderungen durch die globalen Trends – wieder mehr dem Mensch widmen muss. Dabei spielen Fragen u.a. der Wärme im Winter, kühler Räume im Sommer sowie der Lichtversorgung eine wesentliche Rolle. Einen häufig als dominant wahrgenommenen Einfluss auf die Bewertung von Räumen durch Menschen nimmt dabei die akustische Situation ein. Leider wird aber bislang in vielen Fällen wenig Wert auf akustischen Komfort gelegt. Vielleicht liegt es schlicht nur daran, dass man z. B. beim Einbau von Fenstern – das schalldurchlässigste Bauteil für Aussenlärm – nicht abgeschätzt werden kann, ob 10 dB weniger Lärmdurchgriff 200 € Mehrinvestition gerechtfertigen. Vielfach fehlt dazu Hintergrundwissen. Dieser Artikel soll eine mögliche Informationslücke des Lesers schließen helfen.

Die individuelle Bewertung der gehörten Umwelt beruht auf einer Gesamtbilanz von akustischen Reizen, die nahezu überall und ständig präsent sind. Dabei ist das Gehör permanent gefordert, da es sich als ‚Alarmorgan‘ nicht abschalten lässt. Auch geht es nicht nur um laut und leise, selbst kaum hörbare Geräusche führen zu teils drastischen Reaktionen, wenn sie bestimmte Inhalte transportieren. Denken Sie nur an eine sehr leise Mücke!

Die jeweilige Intensität, Dosis und Charakteristik dieser Schallereignisse sowie eine Reihe von Begleitfaktoren führen zu einer Gesamtwirkung, die immer häufiger das erträgliche Maß überschreiten. Zugleich lässt der technisch verursachte Lärm nicht nach, akustisch geeignete Räume und Gebäude sind keinesfalls die Regel und auch auf das bewusste Hören, ob als Klangerlebnis oder Kommunikation, mag nicht verzichtet werden. Vor diesem Hintergrund der immer seltener werdenden Orte der Ruhe wächst die Bedeutung einer ganzheitlichen akustischen Umweltgestaltung.

 

Akustik in Lebensräumen

Da uns akustische Reize nahezu ständig und überall begleiten, lohnt sich ein Blick in die Lebensbereiche oder -räume. Es sind Lern- und Lehrräume, Wohn- und Arbeitsräume, Erholungs- und Kommunikationsräume, in denen sich zusammengenommen ein durchschnittlicher Mitteleuropäer immerhin mehr als 90% seiner Lebenszeit aufhält.

Kita: Neben der Wohnung ist für ca. 2,4 Mio. Kinder hierzulande eine der 47 000 Tageseinrichtungen ein wichtiger Lebensraum. In den Außenbereichen wie Spielplätzen usw. können sich die Kinder mittlerweile per Gesetz laut artikulieren, ohne Sanktionen z. B. durch geräuschsensible Anwohner befürchten zu müssen. Mit der gleichen Vielfalt und Dynamik (Bild 1) erzeugen sie in halligen Innenräumen eine mitunter ohrenbetäubende Geräuschkulisse für sich selbst und für das Betreuungspersonal. Unumstritten, wenn auch noch nicht in allen Details untersucht, sind die negativen Folgen für alle Beteiligten. Um diesen akustischen Lebenseindruck zu verbessern, gibt es viele wertvolle Initiativen [1], aber der raumakustische Soll-Ist-Vergleich bei Kitas fällt meist noch ungenügend aus. Viele tausend Plätze müssen noch neu geschaffen werden, eine bessere Raumakustik ist dabei unverzichtbar.

Schule: Die öffentliche Diskussion zur Qualität von Bildungseinrichtungen ist ein Dauerbrenner. Leider erhalten dabei die akustischen Lehr- und Lernbedingungen nicht den ihnen gebührenden Stellenwert. Ihre Bedeutung für erfolgreiches Lernen hingegen ist evident, da z. B. optimierte Unterrichtsraumakustik nicht nur zur Entlastung des Lehrpersonals beiträgt, sondern auch zur Steigerung des Wohlbefindens und grundlegender kognitiver Leistungen der Kinder [2]. Ungünstige raumakustische Bedingungen wiederum wirken sich durch die erhöhte Belastung selbst langfristig negativ auf das sozial-emotionale „Klima“ in einer Klasse aus. Die Befunde sind also eindeutig, dennoch erweist sich die Schule viel zu oft als lärm- und dadurch stressbelasteter Arbeitsplatz sowie als ein Lebensraum, der Konzepten wie Ganztagsschule und Aspekten wie Inklusion akustisch nicht gewachsen ist.

Industrie: Bei der Betrachtung von Schallereignissen gilt der erste Gedanke meist dem Lärm, der akute und chronische Hörschäden verursacht. Nach wie vor sind davon zu viele Menschen betroffen. Nach Angaben von Berufsgenossenschaften war Lärmschwerhörigkeit im Jahr 2007 immer noch die häufigste anerkannte Berufskrankheit in Europa mit millionenschweren Behandlungskosten bei den Versicherungsträgern. Erfreulich ist aber auch, dass die Anzahl der Fälle in Deutschland rückläufig ist. Liegt das an neuen Richtlinien oder leiseren Maschinen oder nicht doch am Rückgang der Industriearbeitsplätze?

Büro: Tatsächlich stieg in den letzten Jahren die Zahl der nicht industriellen Arbeitsplätze, z. B. in Büros, immer weiter an. Hier ist es der „leise Lärm“ in Gestalt verständlicher Hintergrundsprache, der sich mittlerweile zur Hauptstörquelle entwickelt hat. In Bild 2 sind Befragungsergebnisse zur Rangordnung der Wichtigkeit bzw. des empfundenen Handlungsbedarfs hinsichtlich verschiedener Einflüsse am Arbeitsplatz in einem Mehrpersonenbüro dargestellt [3]. Die Arbeitsumgebung der befragten ca. 600 Teilnehmer bestand dabei keineswegs in einer „alten Büro-Galeere“ sondern in modern und aufwändig eingerichteten Räumen. Bei wichtigen Themen wie der Beleuchtung wurde daher auch ein geringerer Handlungsbedarf festgestellt. Die Akustik an der Spitze steht für den erheblichen Nachholbedarf. Büros sind heute akustisch bei weitem noch nicht auf einem befriedigenden Niveau.

Wohnung: Unruhiges Wohnen ist keineswegs nur dem sozialen Wohnungsbau vorbehalten. Das breite Beschwerdeprofil zeigt vielmehr, dass unzureichende akustische Wohnqualität nur gering mit dem Quadratmeterpreis korreliert. Ein Blick auf die seit mehr als 50 Jahren unveränderten Mindestanforderungen an den Schallschutz im Hochbau [4] als Maß der Dinge veranlasst zu dem Schluss, dass dem gesundheitlichen Verbraucherschutz in diesem Bereich nur eine mittlere Priorität eingeräumt wird. Aber auch das Informations- und Wissensangebot lässt zu wünschen übrig, wenn z. B. mit dem Argument des zweifellos wichtigen Energieeinsparbedarfs empfohlen wird, Isolierverglasungen durch besser wärmedämmende Dreifachverglasungen zu ersetzen. Bei gleichem Gewicht, wie bei Sanierungen üblich, bieten diese neuen Fensterscheiben einen hörbar schlechteren Schallschutz.

Hotel: Die akustischen Störenfriede im Hotelzimmer sind bekannt, der noch ewig brummende Badlüfter oder die rauschende Klimaanlage. Die akustische Umgebung kann den Hotelgast in vielfältiger Weise betreffen. Sie reicht vom Schallschutz der Hotelzimmer bis hin zur Raumakustik im hoteleigenen Freizeit-, Wellness- oder Tagungsbereich. Selbst 5 Sterne bürgen nicht zwangsläufig für Qualität, da nur 2 dezidiert akustische Kategorien im Klassifizierungssystem enthalten sind. So wundert es nicht, dass „Ruhiges Schlafen“ zu den grundlegenden Erwartungen von Hotelgästen gehört und zugleich hellhörige Zimmer zu den führenden Beschwerdegründen zählen.

Stadt: Die bisherige Aufzählung muss und darf unvollständig bleiben, zumal die genannten Brennpunkte und Herausforderungen ausreichen, um die Allgegenwart akustisch zu gestaltender Lebensräume zu verdeutlichen. Die Klammer bildet der urbane Kontext, dessen geeignete akustische Gestaltung, nicht ganz unerwartet, ebenfalls noch vielfach ungelöst ist. Ruhebereiche sind selten, und selbst die akustisch sicher geglaubte Peripherie ist keine Garantie, wenn z. B. eine Umgehungsstraße die Verkehrslärmbalance zwischen Innenstadt und Außenbezirk umkehrt.

Die akustischen Effekte sind vielfältig und ausnahmslos für jedermann spürbar. Dabei manifestieren sich die Lärmwirkungen auf verschiedenen Ebenen. Unmittelbar betreffen sie das Gehör, darüber hinaus aber auch physiologische Funktionen sowie das psychosoziale Wohlbefinden. Durch Störungen von Kommunikation, Leistung und Schlaf beeinträchtigt Lärm die Lebensqualität. Auch Wirkungen auf das Sozialverhalten wurden beschrieben. Zu den physiologischen Wirkungen ist allerdings zu konstatieren, dass abgesehen von Lärmschwerhörigkeit bislang keine klinischen Erkrankungen eindeutig auf Lärmwirkungen zurückgeführt werden konnten. Es wird angenommen, dass Lärm unspezifische Reaktionen hervorruft und damit zur Genese von Erkrankungen beitragen kann, die durch verschiedene Einflussfaktoren bedingt sind. Zu den eindeutigsten Lärmwirkungen zählt die empfundene Lärmbelästigung. Diese ist allerdings nur zu einem Drittel durch physikalische Determinanten des Geräusches bestimmt. Ein weiteres Drittel wird durch Moderatoren, wie die individuelle Lärmempfindlichkeit oder die Einstellung (z. B. Gefährlichkeit) gegenüber der Lärmquelle erklärt. Das letzte Drittel kann derzeit nicht erklärt werden [5].

Gerade in der urbanen Umgebung mit hoher Personendichte und Reizüberflutung besteht akustisch eine Überlastungsgefahr der menschlichen Informationskapazität. Als Reaktion darauf wird die Aufnahme von Informationen aus der Umgebung reduziert, Signale werden zunehmend übersehen bzw. nicht mehr verarbeitet. Dies wird als eine mögliche Erklärung dafür angesehen, dass die Bereitschaft zu prosozialem Verhalten in Städten weniger stark ausgeprägt ist. Experimentelle Untersuchungen belegten z. B. einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß von hilfsbereitem Verhalten und Umgebungslärm. Bei höheren Lärmpegeln zeigte sich eine geringere Hilfsbereitschaft.

Allerdings führen diese und andere Lärmfolgen nicht etwa zur Stadtflucht. Weltweit ist Urbanisierung einer der Mega-Trends. Städte ziehen durch den Reichtum an Möglichkeiten immer mehr Menschen an. Daraus erwachsen spezifische Herausforderungen, insbesondere jene, die aus der Überlastung der verfügbaren Systeme und Strukturen resultieren. Eine dieser Herausforderungen betrifft die hohe Intensität und weite Verbreitung der Umgebungsgeräusche, da sie in direkter Beziehung zur Qualität des Lebens und Zusammenlebens stehen. Die geeignete akustische Gestaltung urbaner Lebensräume ist und bleibt daher eine vorrangige gesellschaftliche Aufgabe.

 

Urbane Gesamtbilanz

Die Schilderung der akustischen Lebensräume in und außerhalb von Gebäuden mit dem gewählten kritischen Blickwinkel hinterlässt den Eindruck eines Horrorszenarios. Der akustische Lebenslauf wäre also geprägt von Lärm und schlechter Umgebungsakustik. Dieser Standpunkt entspricht aber nicht den Erfahrungen aller Betroffenen und Beteiligten, weder des Einzelnen noch größerer Gruppen. Einerseits ist die Betroffenheit nicht gleich verteilt, andererseits darf die aktuell zunehmende lärmkritische Haltung vieler Menschen nicht über eine verbreitete Unbedarftheit im Umgang mit der hörbaren Umwelt hinwegtäuschen. Tatsächlich ist die Priorität der akustischen Umweltbewertung und -gestaltung zeitlichen Schwankungen unterworfen, auch in Abhängigkeit anderer sozialer, ökonomischer und ökologischer Themen. Insbesondere in Städten geht es immer mehr um eine tragfähige Balance von gesellschaftlichen Erfordernissen und individuellen Bedürfnissen, die durch Kollision und Koinzidenz geprägt ist. Dies äußert sich auch in der Beurteilung von Umweltqualität und Lebensqualität.

Drei Beispiele aus einer sicher großen Auswahl seien hier genannt. Das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ verwendete den so genannten „Green City Index“ (GCI)1 für die Bewertung von Umweltleistungen und -initiativen in europäischen Städten. Auf der Basis öffentlich zugänglicher Daten wurde ein breites Spektrum qualitativer und quantitativer Indikatoren herangezogen, um mit einem Index die Städte zu vergleichen. Energie- und Wasserverbrauch, Emissionen und Luftqualität, Abfall- und Verkehrskonzepte, fast alles wurde einbezogen. Fast, denn Lärmemissionen wurden explizit nicht berücksichtigt. Daten lagen z. B. in Form von Lärmkarten usw. vor, aber anscheinend gehört Ruhe nicht zu den „grünen“ Indikatoren. Im Übrigen schnitten beim GCI-Vergleich 10 deutsche Großstädte quer durchs Land mit Spitzenplätzen ab. Ganz so gut fiel das deutsche Ergebnis bei einer weiteren europäischen Studie zur „Positiven Lebenseinschätzung“2 nicht aus. Kaum noch steigerbar landete Dänemark mit 96 % auf Platz eins, gefolgt von Griechenland und Italien. Deutschland hingegen bleibt mit 61 % unterdurchschnittlich. In welchem Maße sich hier eine positive Einschätzung zur Umweltqualität auswirkte, ist nicht herauszulesen, aber eine vorrangige Priorität hatte sie nicht. Als letztes Zahlenbeispiel sei eine deutsche Studie zur Lebenszufriedenheit3 zitiert, in der Menschen in Hamburg sowie in den Regionen Niedersachsen und Südbayern Höchstwerte (größer als 7 auf einer Skala von 0 bis 10) angaben. Aus akustischer Sicht wird sich Hamburg von Südbayern relativ deutlich unterscheiden, so dass dieser Aspekt zumindest keinen gravierenden Einfluss auf das Zufriedenheitsurteil zu haben scheint. Ein Seitenblick zum „Green City Index“ zeigt, dass zumindest Hamburg auch dort überdurchschnittlich abschnitt.

Wie wird Lärm beurteilt? Auch hierzu liegen statistische Ergebnisse vor. Auf die vermutlich meisten Beteiligten kann die viel zitierte Umfrage des Umweltbundesamtes [6] verweisen. Dort werden Bevölkerungsanteile quantifiziert, die angeben, von unterschiedlichen Lärmquellen belästigt zu sein. Die Verkehrsträger Auto, Flugzeug und Bahn sowie gewerbliche Lärmverursacher und die Nachbarschaft erreichen allesamt über 20 %, der Straßenverkehr liegt mit mehr als 50 % ganz vorn. Diese Ergebnisse sollten an sich die Brisanz der Thematik ausreichend belegen. Da sich die Zahlen in den letzten 10 Jahren kaum verändert haben, stellen sich Fragen, wie z. B. nach den Ursachen. Sind die Lärmpegel zu hoch, treten sie zur „falschen Zeit am falschen Ort“ oder an zu vielen Orten auf?

Zur Beantwortung besteht bereits ein beachtlicher Daten- und Literaturfundus, den es gegebenenfalls zu erweitern und auszuwerten gilt. Ein Aspekt davon ist die flächenbezogene Gesamtlärmexposition in urbanen Ballungsräumen. Wenn viele Städte permanent weiter wachsen und dafür urbane Bereiche verdichten, ist eine lärmbezogene Maßzahl für den vorhandenen Spielraum hilfreich. Wie groß und wo sind z. B. die noch ruhigen Flächen für akustisch anspruchsvolles Wohnen?

Zur Bewertung liegen seit einigen Jahren Lärmkarten vor, die nach Europäischen Standards berechnete Lärmindizes illustrieren, z. B. den LDEN als 24-Stunden-Wert, wobei der Index DEN für „Day Evening Night“ steht. Diese Lärmkartierung erfolgte getrennt nach den Verursachern Straßen-, Schienen- und Flugverkehr sowie Industrie und Gewerbe. Um den flächenbezogenen Gesamtlärm zu erhalten, werden diese Daten zusammengeführt, also die Flächenbereiche mit den einzelnen LDEN-Stufen in dB(A) z. B. mittels eines grafischen Verfahrens. Verschiedene Details sind dabei zu beachten, wie z. B. die Behandlung von Flächen mit überlagerter Exposition durch mehrere Lärmverursacher. So kann die Gesamtheit der Lärmflächen z. B. mit einem Lärmindex LDEN höher als 55 dB(A) in Relation zur Stadtfläche gesetzt werden. Dieser Lärmindex wird als Grenzwert für Konsequenzen im Sinne von Lärmminderungsmaßnahmen angesehen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Lärmquelle mit der größten Flächenwirkung der Straßenverkehr ist. Angesichts der o.g. Befragungsergebnisse und früherer Betrachtungen zur Betroffenheit [7] von Bevölkerungsanteilen durch Straßenverkehrslärm ist das nicht überraschend. Die folgenden Verursacher sind der Schienenverkehr sowie Industrie und Flugverkehr auf etwa gleichem Niveau.

Die Gesamtfläche mit einem Lärmindex höher als 55 dB(A) erreicht in den betrachteten deutschen Großstädten Werte zwischen 17 % und 70 % der Stadtfläche. In mehr als 75 % der Städte bleibt der Flächenanteil unter 50 %. Vorsicht ist insbesondere bei den niedrigen Prozentwerten geboten, da die nationalen Regeln der Kartierung gewisse Spielräume lassen, die in wenigen Fällen auch genutzt wurden. Die Interpretation der Zahlen könnte dennoch mit der Frage beginnen, wie diese Zahlen mit Belästigungsaussagen und Betroffenheitswerten verbunden sind.

Bei den zum Teil sehr großen mit Lärm belasteten Flächenanteilen der Städte ist sicher eine detaillierte Betrachtung angebracht, um welche Arten von Flächen und Nutzungen dieser Flächen es sich handelt. Ein nahe liegender Ansatz könnte die besondere Fokussierung auf Wohngebiete sein, da dort wiederum der ungestörte Schlaf einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Beschränkung auf diese Bereiche müsste dann aber auch den baulichen Schallschutz der Wohngebäude einbeziehen. Ruhiger Schlaf bei frischer Luft ist nicht zwangsläufig auf geöffnete Fenster angewiesen. Er lässt sich heute z. B. auch mit schallgedämmter Wohnraumlüftung erreichen. Aber nicht nur der urbane Schlaf ist vom Lärm beeinträchtigt, sondern auch das urbane Leben. Es findet außerhalb der Gebäude statt, auf Terrassen und Balkonen, auf Straßen und Plätzen, in Freizeit- und Erholungsgebieten. Die überwiegend im Waldgebiet am Stadtrand verlaufende Autobahn z. B. wird dann nicht mehr nur als fern der Wohngebiete und damit unkritisch eingestuft. Die Erholung Suchenden erwarten auch hier eine natürliche Ruhe. Auch sind größere Städte nicht zwangsläufig die stärker lärmbelasteten Städte. Stark befahrene Straßen, z. B. innerstädtische Autobahnen, und Schienenwege gibt es in vielen Städten. Dies allein ist aber nicht das Indiz für große, lärmbelastete Flächen.

Insgesamt ist von einem ursächlichen Mix für diese Ergebnisse auszugehen. Ein ursprüngliches Element für die Lärmanfälligkeit städtischer Infrastrukturen liegt zweifellos in historischen Entwicklungen und Entscheidungen. In vielen Städten folgen Hauptverkehrsstraßen dem Verlauf früherer Pferdestraßenbahnen, die lange vor dem automobilen Zeitalter und unter völlig anderen Annahmen bzw. Voraussetzungen konzipiert wurden. In anderen Städten wurden nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges mit gewaltigen Anstrengungen Verkehrsstrukturen umgesetzt, die nicht auf heutige Methoden und Instrumente der Stadt- und Verkehrsplanung zurückgreifen konnten. Ein fundierter Blick in die Zukunft war damals kaum möglich. Mit diesem Erbe und dem nach wie vor unbändigen Mobilitätsbedarf muss künftig umgegangen werden. Eine zweifellos komplexe und komplizierte Herausforderung für alle Beteiligten. Die ganzheitliche akustische Umweltgestaltung muss zugleich im Kontext aller übrigen Anforderungen betrachtet und behandelt werden. So lässt sich die aktuell intensiv beworbene energetische Sanierung von Gebäuden und Quartieren auch für die akustische Verbesserung nutzen. Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche, zumal die Lärmsanierung heute einen durchaus nennenswerten Umfang angenommen hat.

 

Ganzheitliche Umweltgestaltung

Mit Blick in die Zukunft gilt es mehr denn je, die akustischen Umgebungseinflüsse in nahezu allen Lebensräumen zu erkennen, konkret zu bewerten und in den meisten Fällen geeignet zu behandeln. Eine große Herausforderung, die aber durch Verschiebung oder Vernachlässigung nicht kleiner wird. Dabei ist es ratsam, nicht einzelne Aspekte oder Lebensräume hervorzuheben, sondern eine nachhaltige Gesamtbilanz in den Vordergrund zu stellen. Dazu zählt auch die Einbeziehung in den Gesamtkontext der Umweltgestaltung, um einerseits akustische Qualität als spürbare Umweltqualität zu etablieren und andererseits akustische Belange in Gestaltungsprozesse zu integrieren. Dabei stehen Interessierte und Engagierte, Betroffene und Beteiligte vor mehreren Aufgaben. Erstens muss nach wie vor für angepasste Information und breite Kommunikation gesorgt werden. Zur Versachlichung dieses Austausches stehen immer mehr und auch bessere Hilfsmittel zur Verfügung. Zweitens müssen noch mehr gesicherte Erkenntnisse in verbindliche Regeln überführt werden. Drittens bedarf es für eine Reihe von Gestaltungskonflikten, z. B. zwischen Mobilität und Ruhebedürfnis, zwischen Wirtschaftlichkeit und Lebensqualität, auch der Investition in neue, praktikable Technologien.

Rubrik: Standpunkte


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