01.06.2013 | Ausgabe 6/2013

Ein weißer Traum

In Seoul haben deutsche Experten Koreas erstes Nullenergiegebäude gebaut

1 Das Ausstellungs- und Informationszentrum „Energy Dream Center“ in Seoul wurde unter Federführung des Fraunhofer ISE als Nullenergiegebäude realisiert.

1 Das Ausstellungs- und Informationszentrum „Energy Dream Center“ in Seoul wurde unter Federführung des Fraunhofer ISE als Nullenergiegebäude realisiert.

Mit dem „Energy Dream Center“ realisierte die Stadtregierung Seoul ein Zentrum für erneuerbare Energien. Das Nullenergiegebäude widmet sich mit Ausstellungen und einem breiten Informationsangebot auf 3.500 Quadratmetern diesem Thema. Ein interdisziplinäres Team unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE hat das Gebäude entworfen und den Bau begleitet. Größte Herausforderung an die Wissenschaftler, Ingenieure und Architekten: Ein stimmiges Konzept, das Energieeinsparung und -effizienz mit architektonischen und funktionalen Ansprüchen verbindet. Entstanden ist ein Leuchtturmprojekt für die Umsetzung neuester Techniken und die Nutzung erneuerbarer Energien.

Unweit des neuen Fußballstadions in Seoul, in dem während der Fußballweltmeisterschaft 2002 das Halbfinale zwischen Deutschland und Südkorea gespielt wurde, fällt der Blick der Besucher seit Neuestem unweigerlich auf ein futuristisches weißes Gebäude: Es hat den ungewöhnlichen Namen „Energy Dream Center“. Wer träumt hier von mehr Energie? Doch nicht etwa die südkoreanische Fußballnationalmannschaft, die ihre Niederlage gegen Deutschland in dem nahen Stadion immer noch verdauen muss? Tatsächlich ist der weiße „Traum“-Pavillon ein Zentrum für erneuerbare Energien, das die Stadt Seoul initiiert hat. Im Jahr 2008 beschloss Oberbürgermeister Oh See-hoon unter dem Motto „Green City Seoul“, das Null-Energie-Gebäude bauen lassen. Seine Stadtregierung sah sich für das Projekt nach Partnern um und entschied sich für ein deutsches Forschungszentrum in Freiburg. Für das Null-Energie-Gebäude wurden deutsche Experten sowohl für die Architektur als auch für die Ingenieurdisziplinen herangezogen. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) aus Freiburg hat das Zentrum konzipiert und Thomas Winkelbauer vom Architekturbüro GAP aus Berlin hat es entworfen. Der Oberbürgermeister von Seoul stellte dem Team ein attraktives Grundstück im World Cup Park zur Verfügung.

Leuchtturmprojekt und Visitenkarte für die Stadt

Das Haus ist ein Museum seiner selbst. Seine auffällige Architektur soll die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Gebäude und somit auf das Thema umweltfreundliches und energiesparendes Bauen lenken. Auf 3.500 Quadratmetern sind in dem Traum-Bau Ausstellungen zum Thema Null-Energie, nachhaltige Energiequellen, Energieeffizienz, regenerative Energie und Nachhaltigkeit zu sehen. Als „Leuchtturmprojekt“ soll der schneeweiße Neubau zur Visitenkarte für Seoul als „Green City“ dienen. Das Gebäude erzeugt genau so viel Energie, wie es verbraucht. Der jährliche Gesamtenergiebedarf wird durch erneuerbare Energien in und am Gebäude gedeckt. Um die Funktionsweise des Gebäudes vorab prüfen zu können, haben die Ingenieure des ISE Simulationen zum thermischen Gebäudeverhalten und zur Tageslichtversorgung durchführen lassen. Besonderes Augenmerk und Nachweise in zahlreichen Berechnungen legten sie auf die Vermeidung von Wärmebrücken, eine effiziente, gut gedämmte Fassade und eine leistungsfähige Haustechnik.

Intelligente Bauprinzipien versus komplizierte Klimatechnik

Das „Energy Dream Center“ hat einen quadratischen Grundriss, drei Etagen und ein Flachdach. Die Ebenen sind um 45 Grad gegeneinander verdreht. So entstehen schräg über die Geschosse verlaufende, keilförmige Vordächer, die als Witterungsschutz für die Eingänge und als Sonnenschutz dienen. Die Fassaden nehmen die Formensprache auf – sie sind ebenfalls von spitzwinkligen Dreiecken geprägt. Wegen des problematischen Baugrunds wurde das Gebäude auf Pfählen gegründet, die eine Stahlbetonbodenplatte tragen. Insgesamt wollten die deutschen Experten passiven Maßnahmen Priorität vor einer überkomplexen Gebäudetechnik geben. Konstruktionsbasierte Energieeinsparung ging ihnen über hochtechnisierte Ausstattung. „Low-Tech beats High-Tech!“ war ihr – durchaus sympathisches und sinnvolles – Motto. Die deutsche Denkweise musste an die klimatischen und technischen Bedingungen Südkoreas angepasst werden. Der Entwurf folgt dem Passivhausstandard mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen: Geheizt und gekühlt wird das Energiezentrum mit Sonne, Erdwärme und Wind. Kernstück des Gebäudes sind Erdsonden, die ganzjährig als Energiequelle eine Wärmepumpe betreiben und im Sommer das Flächenkühlsystem mit Kälte versorgen. Sie dienen zur Gebäudeheizung und -kühlung über die Fußbodenheizung. Die Geschossdecken werden als thermische Speichermassen genutzt. Ein quadratischer Lichthof in der Gebäudemitte verbessert die Tageslichtversorgung. Wenn doch zusätzlich Kunstlicht nötig wird, stammt es aus LEDs, die über Lichtsensoren gesteuert werden und sich automatisch abschalten, wenn niemand im Raum ist. Eine Lüftungsanlage mit zweistufiger Wärmerückgewinnung und Verdunstungskühlung sowie eine integrierte Turbokompressor-Kältemaschine zur Unterstützung der Erdsonden wurden im Haus installiert. Die Kältemaschine mit einer Leistung von 210 kWp entfeuchtet außerdem die Zuluft. Die Lüftungsanlage stellt sicher, dass neben Wärme im Winter auch die Luftfeuchtigkeit und die Kühlung im Sommer geregelt werden können. Die Lüftungsanlage hat hohe Wärme- und Kälterückgewinnungsgrade und eine dreistufige Entfeuchtung mittels adiabatischer Abluftbefeuchtung.

Energie- und klimaneutral nach koreanischem Standard

Im Vergleich zum geltenden Standard in Korea konnte der Wärme- und Kühlenergieverbrauch des Gebäudes um 70 Prozent gesenkt werden. Der verbleibende Energiebedarf wird durch regenerative Energie bereitgestellt. Neben der Nutzung geothermischer Energie erzeugen netzgekoppelte Photovoltaikanlagen auf dem Dach, den Vordächern und einer kleinen Freifläche neben dem Gebäude elektrische Energie (rund 280.000 kWh/a auf 1.400 Quadratmetern). Damit ist das Gebäude in der Jahresbilanz energie- und klimaneutral. Es hat folglich die „Korean Green Building Certification” und das Label „Building Energy Efficiency” erhalten. Um die Performance des Gebäudes zu überprüfen, ist ein Langzeit-Monitoring durch das ISE geplant. Knapp 14 Millionen Euro hat sich die Stadt Seoul ihr „Energie-Traumhaus“ nach deutschen Vorstellungen kosten lassen. Um diese finanzielle und energetische Investition wieder hereinzuholen, muss es dem Energy Center nun gelingen, Tausende koreanische Besucher nicht nur in die Ausstellung zu locken, sondern auch zum Nachmachen zu animieren. Im Dezember 2012 eröffnete das „Energy Dream Center“. Hauptzweck von Südkoreas erstem Null-Emissions-Haus ist es, der Bevölkerung erneuerbare Energien näherzubringen. Das „Energy Dream Center“ soll zeigen, dass energieeffiziente Eigenheime nicht nur lohnend sind, sondern auch komfortabel. Der Bedarf für energetisch sanierte oder neue Wohngebäude, deren Versorgung aus erneuerbaren Energien gespeist wird, ist riesig. Mehr als 23 Millionen Einwohner leben in der südkoreanischen Metropole; fast zwei Drittel davon in Wohnblocks, die oft schlecht gedämmt sind. Südkorea besitzt kaum eigene Energiereserven – 97 Prozent der Energie werden importiert. Die Stadtregierung hofft auf Anreize für die heimische Industrie, in Niedrigenergietechnik zu investieren. Umweltfreundliche Energienutzung soll schließlich auch in Korea kein bloßer Traum bleiben.

Rubrik: Bauen


Newsletter
Ja, ich möchte den Newsletter von greenBUILDING abonnieren