01.06.2013 | Ausgabe 6/2013

„Longlife“-Projekt für die Ostseeregion

Europäische Kompetenzteams erarbeiten Benchmarks für den Neubau nachhaltiger Wohnungen

1. Einsparung von Betriebskosten mit Longlife-Planung

1. Einsparung von Betriebskosten mit Longlife-Planung

Energieeffizienz ist ein Schlüsselwort der aktuellen energie- und klimapolitischen Debatte. Dabei gelten der Gebäude- und der Transportsektor als wichtigste Bereiche, um die Energieeinsparungen in Europa bis 2020 zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund haben die Partner des Projektes „Longlife“ gemeinsam Benchmarks und Richtlinien für den Neubau von nachhaltigen Wohnungen entwickelt. Darin werden Mindestanforderungen festgelegt, die dazu beitragen, den Energieverbrauch eines Gebäudes während seines Lebenszyklus’ zu senken. Das Fortführungsprojekt Longlife Invest ist das beispielhafte Implementieren der Ergebnisse des Projektes Longlife in ein reales Gebäude in Litauen.

Die Technische Universität Berlin, Institut für Architektur, FG Tragwerksplanung und Entwurf, ist Federführer des Projektes Longlife, in dem dänische, deutsche, litauische, polnische und russische Vertreter in den Kompetenzteams Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft zusammenarbeiten. Das Folgeprojekt Longlife Invest ist eine Kooperation zwischen deutschen, litauischen und polnischen Partnern. Die Arbeit in Kompetenzteams hat sich bewährt, weil die internationalen Teammitglieder identische Interessen haben, z. B. Team Wissenschaft – die besten Technologien einzusetzen, Team Verwaltung – die bewährtesten Verfahren anzuwenden und Team Wirtschaft – das günstigste Nutzen-Kosten-Verhältnis umzusetzen. Longlife stellt die Aspekte der ökologischen, sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt der Planung. Selbstverständlich spielen Energieeffizienz und Ressourcenschonung eine große Rolle. Diese Faktoren sind im Hinblick auf Umweltbelange von größter Bedeutung und bringen auch für Investoren langfristig betrachtet, bezogen auf den Lebenszyklus (life cycle) eines Gebäudes, einen hohen Nutzen. Nachhaltig zu bauen, erfordert höhere Planungsund Investitionskosten, die sich erst im Lebenszyklus amortisieren. Aus wirtschaftlichem Interesse ist ein Investor, der nicht Eigentümer des Gebäudes bleibt, zurzeit noch schwer zu motivieren, die höheren Investitionskosten aufzuwenden. Das hat auch die Europäische Kommission erkannt und in ihrer Energiestrategie bis 2020, die im November 2010 beschlossen wurde, formuliert, dass  sie bis Mitte 2011 nach Vorschlägen sucht, um im Mietwohnungsmarkt das Investor-Nutzer-Dilemma zu lösen.

 

Longlife Benchmarks für nachhaltiges Bauen im Ostseeraum

Das Projekt Longlife hat hierfür eine Lösung vorgelegt. Die Longlife Projektpartner begannen mit einer Analyse und dem Vergleich der bestehenden technischen Normen und Technologien für Gebäude, der Genehmigungs- und Ausschreibungsverfahren, dem Projektmanagement und verschiedener Finanzierungsmodelle. Methodisch wurde ein Longlife Fragenbogen mit ca. dreißig Fragen je Kompetenzteam (Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft) entwickelt. Der Vergleich und die Zusammenfassung der länderspezifischen Antworten ergaben die Longlife Benchmarks. Die entwickelten Benchmarks sind als Standards, Kriterien und Spezifikationen (Benchmarks) für energieeffiziente und ressourcenschonende Wohnbauten in der Ostseeregion beschrieben. Als bedeutsamer Schritt, bezogen auf die angestrebte Harmonisierung von Baustandards für nachhaltiges Bauen im Ostseeraum, ist zu werten, dass sich alle beteiligten Länder auf einen jährlichen Energieverbrauch für Heizung, Lüftung und Warmwasseraufbereitung von < 40 kWh/m² verständigt haben. Der Energieverbrauch in den bestehenden Wohngebäuden der beteiligten Länder ist sehr unterschiedlich und besonders in Polen, Litauen und Russland derzeit noch bedeutend höher.

 

Longlife Prototype Catalogue bietet nachhaltige Planung

Zur Unterstützung bei der Planung eines Gebäudes wurde ein Longlife Prototype Catalogue entwickelt. Er ist eine länderbezogene Zusammenstellung von energieeffizienten, nachhaltigen und ökologischen Materialien, Bauelementen und Technologien inkl. Kosten, welche bei der Planung eines nachhaltigen Gebäudes genutzt werden kann. Der Longlife Prototype Catalogue zeigt auf und vergleicht eine Reihe von energieeffizienten, nachhaltigen und wirtschaftlichen Lösungen für die Gestaltung eines Gebäudes. Beschrieben werden die Materialien, Elemente und Technologien mit ihren ökologischen Kennwerten, Lebenszyklusdaten und Neubaukosten. Alle am Projekt teilnehmenden Länder haben diesen Katalog gemeinsam erarbeitet, so dass ein einheitliches Entwurfsverfahren in allen Partnerländern anwendbar ist. Konkrete Anwendungsbeispiele wurden mit Pilotprojekten aus allen Partnerländern geliefert. Die Anwendung des Longlife Prototype Catalogues gewährleistet somit eine nachhaltige Planung. Alle Elemente, Materialien und Technologien, die im Katalog dargestellt sind, erfüllen die Longlife Benchmarks und sind somit vorzertifiziert.

 

Longlife Performance Pass als Nachweis für Nachhaltigkeit

Der Longlife Performance Pass ist ein „Gebäudepass“, welcher die Einhaltung der Ziele und Benchmarks bezugnehmend auf die drei Felder Ökologie, Ökonomie und Qualität des Gebäudes überprüft und nachweist. Alle im Longlife Performance Pass beschriebenen Daten sind messbare Werte, für jeden nachvollziehbar. Der Pass beschreibt die Qualität eines Gebäudes nicht aus subjektiver Sicht, sondern mit Fakten. Dabei werden im Bereich Ökologie nicht nur End- und Primärenergieverbrauch, sondern auch CO2- „Fußabdruck“, Anteil erneuerbarer Energien und Anteil an recyceltem Wasser dargestellt. Ökonomische Kenndaten des Gebäudes sind im Longlife Performance Pass die Neubaukosten sowie die Lebenszykluskosten des Gebäudes, unterteilt in Wartungs- und Betriebskosten. Mit dem Kriterium Qualität werden die Besonderheiten des Projektes beschrieben. Für jede Bautätigkeit gilt heute, das Prinzip der Nachhaltigkeit zu beachten. Zertifikate sollen die Nachhaltigkeit von Gebäuden für die Öffentlichkeit transparent sowie für den Bauherren und Investor ökonomisch verwertbar machen. Viele bereits existierende Bewertungssysteme lassen aufgrund ihrer Komplexität eine transparente Bewertung von nachhaltigen Gebäuden und einen Vergleich kaum zu. Mit den nachweisbaren ökonomischen und ökologischen Aspekten, welche im Longlife Performance Pass Anwendung finden, ist die Vergleichbarkeit und die geforderte Transparenz gegeben. Energiepässe machen es möglich, den Energieverbrauch von Gebäuden zu vergleichen. Der Longlife Performance Pass stellt eine Vergleichbarkeit bezugnehmend auf Nachhaltigkeit her, die in Zukunft von immer größerer Bedeutung wird.

 

Longlife Invest als Praxis-Pilotprojekt

Das Fortführungsprojekt Longlife Invest ist die Realisierung eines litauischen Pilotgebäudes, das im Projekt Longlife entwickelt wurde. Die Klaipėda Universität ist Investor und Eigentümer des neu geplanten Gebäudes – eines Studentenwohnheimes. Die Implementierung der Longlife Benchmarks in das geplante litauische Longlife Pilotprojekt der Klaipėda Universität bietet beste Voraussetzungen und eine große Möglichkeit für den litauischen Partner, das Studentenwohnheim energieeffizient und nachhaltig zu gestalten. Mit den bereits entwickelten Standards aus dem Vorgängerprojekt Longlife werden die Baukonstruktion und Gebäudetechnik des geplanten Vorhabens optimiert. Der Nachholbedarf für energiesparendes Bauen in Litauen ist sehr groß. Der derzeitige Endenergiebedarf eines neuen Wohngebäudes in Litauen liegt bei ca. 150 kWh/(m²a). Mit der vorliegenden Longlife Planung ist der Standard eines „Nearly zero energy buildings“ zu erreichen. Die Longlife Invest Projektpartner begleiten und evaluieren fortlaufend den Planungs- und Bauprozess des Studentenwohnheimes. Das Longlife Invest Projekt wird mit dem Longlife Performance Pass die Gesamtenergieeffizienz, den CO2-Ausstoß und die Lebenszykluskosten des Studentenwohnheimes in Bezug auf die Longlife Benchmarks und Standards nachweisen. Das Longlife Institut e. V., ein gemeinnütziger Verein, der in der Laufzeit des Projektes Longlife gegründet wurde, um die Longlife Ergebnisse zu verstetigen, wird die Nachweisführung mit dem Longlife Performance Pass durchführen. Der Innovations- und Demonstrationscharakter des Technologietransfers und des Bauprozesses werden mit Studienreisen, Kursen, öffentlichen Workshops und einer Baustellen-Webcam sowie über den TV–Sender der Klaipėda Universität verbreitet.

Rubrik: Planen


Newsletter
Ja, ich möchte den Newsletter von greenBUILDING abonnieren