01.12.2012 | Ausgabe 12/2012

Wohnen in einer polarisierten Welt

Im Jahr 2030 werden 60 Prozent der Erdbevölkerung in Städten wohnen, viele von ihnen in Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Wenn 20 Jahre später voraussichtlich 9 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, werden etwa 70 Prozent Städter sein. Das Wachstum konzentriert sich vor allem auf Asien. Allein China plant im Osten des Landes 500 neue Städte. In Europa dagegen werden wohl kaum noch neue Städte gegründet. Hier geht es mit Blick auf den Klimaschutz um Modernisierung des Bestandes und angesichts des demografischen Wandels um Anpassung an Altersstruktur und Rückbau. Neben der Lösung stadtplanerischer und bautechnischer Probleme wird es dabei vor allem auch um einen gesellschaftlichen Wandel gehen müssen, denn wem nützt es, wenn Wissenschaftler hochkomplexe Zukunftshäuser entwickeln, deren Bedienung für die Bewohner zu kompliziert ist oder die sie sich nicht leisten können. Wie wollen wir also in Zukunft wohnen und leben? Für welche Wohnformen können wir uns entscheiden? Welche Baumaterialien werden wir einsetzen müssen für das „Haus der Zukunft“? Und wer soll das alles bezahlen?

Vor allem in den großen Städten in Deutschland leben die meisten Menschen in Mietwohnungen, die bezahlbar bleiben müssen. Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. hat festgestellt: Angesichts der drastisch zunehmenden Herausforderungen – demografischer Wandel, die notwendigen energetischen Sanierungen im Gebäudebestand und der strukturelle Wandel der Wohnungsmärkte, der sich regional unterschiedlich vollzieht – reichen die jetzt im Bundeshaushalt 2013 vorgesehenen 455 Millionen Euro für die Städtebauförderung nicht aus. Notwendig wären mindestens 655 Millionen Euro. Andernfalls wird sich die bundesweit zu beobachtende Problematik der Wohnungsmärkte deutlich verschärfen, da ein freifinanzierter Umbau zwar betriebswirtschaftlich möglich, für viele Menschen in Deutschland aber nicht mehr sozial verträglich sein wird. Darüber hinaus wurden im Rahmen der Haushaltsbereinigung von den Haushaltspolitikern der Regierungsfraktionen – entgegen dem Votum des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung – die Mittel für das Programm Soziale Stadt über Nacht von 50 auf 40 Millionen zusammengekürzt und die Mittel für den altersgerechten Umbau von Wohnungen ganz gestrichen. Mit diesen Entscheidungen konterkariert die Bundesregierung alle Bemühungen von Städten und Verbänden, Wohnquartiere in den Ballungsgebieten zu stabilisieren und aufzuwerten.

Trotz der von der Regierung angesichts sprudelnder Steuereinnahmen unnötig verursachten Finanznot wächst in den Kommunen das Engagement „von unten“ für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Ausgelöst und finanziell unterstützt von der Initiative „ZukunftsWerkStadt“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zusammen mit Wissenschaft im Dialog (WiD) entwickeln Bürger zahlreiche Projektideen für ihre Kommune. Einige davon stellen wir Ihnen in diesem Heft vor. Schon heute geht es also darum, die Menschen in eine zukunftsfähige gebaute und akzeptierte Lebenswelt einzubinden, damit aus gesellschaftlich kooperativem Handeln und vielen „intelligenten Häusern“ am Ende auch eine lebenswerte intelligente Stadt wird, in der alle gemeinsam – arm und reich, Alt und Jung – leben und arbeiten können. Eine interessante Aufgabe für Architekten und Stadtplaner, das meint Ihre 


Dipl.-Ing. (FH) Iris Kopf
Verantwortliche Redakteurin


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