01.10.2012 | Ausgabe 10/2012

Adaptive Gütesiegel

Beim Stichwort „Gebäudegütesiegel“ rauscht derzeit eine heiße Diskussion durch den Blätterwald der Immobilienpresse. Die Skeptiker beklagen die unterschiedlichen Ziel­werte der Zertifikate und damit ihre Unvergleichbarkeit. Deshalb setzen sie auf den Carboon Footprint als erfolgversprechende Lösung, um „grüne Gebäude“ jeglicher Art künftig vergleichbar zu machen. Befürworter stellen fest, dass der Carboon Footprint ein Teil der Nachhaltigkeitszertifikate für Gebäude sein muss, sie aber nicht ersetzen kann. Und sie haben Recht, denn schließlich geht es beim nachhaltigen Bauen und Betreiben nicht allein um die Minderung des CO2-Ausstoßes und den Klimaschutz.

Dass Nachhaltigkeitsgütesiegel für Gebäude, für Stadtquartiere und sogar für ganze Städte an Bedeutung gewinnen werden, steht außer Frage. Denn mit wachsender Erd­bevölkerung und der damit einhergehenden zunehmenden Verstädterung müssen wir Mittel und Wege finden, um das Leben der Menschen global nachhaltig lebenswert zu gestalten. Klimaschutz ist dabei nur ein Teil des Problems. Ressourcenverknappung und -verteilung sowie ihre effiziente Nutzung bei Gewährleistung des ökologischen Gleich­gewichts spielen eine ebenso große Rolle. Und nicht zuletzt haben die Menschen An­spruch auf den Erhalt und die Weiterentwicklung ihrer ökonomischen und sozio- kulturellen Grundlagen. Das alles sind Aspekte, die die Kriterien von Bewertungssys- temen beeinflussen. Gütesiegel können deshalb keine starren normativen Vorgaben sein, sondern müssen ständig weiterentwickelt und angepasst werden, so, wie sich auch Klima, Gesellschaften und Wirtschaft verändern.

In dieser Ausgabe informieren wir Sie unter anderem über die wichtigsten weltweit ver­wendeten Zertifizierungssysteme für Stadtquartiere und die Komplexität der Materie. Der Autor Stephan Anders gibt einen Überblick, womit sich Stadtplaner heute und in Zukunft auseinandersetzen müssen, wenn sie – wie es der Brundtland-Bericht fordert – die Lebensqualität der gegenwärtigen Generation sichern und gleichzeitig zukünftigen Generationen ermöglichen wollen, ihr Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten.

Gebäude-Zertifizierungssysteme bieten sich aber vor allem als regionale branchenkon­forme Lösungen an, um die Wertigkeit von Immobilien zu dokumentieren. Auch wenn derzeit von der Immobilienbranche bemängelt wird, dass es bisher an ausreichender Qualitätssicherung und Evaluierung von zertifizierten Gebäuden fehlt und die über den Lebenszyklus erhofften Gewinne noch ausbleiben: Deutschland als eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt kann es sich leisten, bei der Zertifizierung „grüner Gebäude“ globaler Vorreiter zu sein und mit Forschungs- und Praxisprojekten Wege aufzuzeigen, wie man über bautechnische Lösungen wirtschaftliche Vorteile erzielen kann. Der Car­boon Footprint reicht für eine solche Beurteilung allerdings nicht aus. Hier sind kreative Planer gefragt, die sich in der Materie auskennen, das meint Ihre 


Dipl.-Ing. (FH) Iris Kopf
Verantwortliche Redakteurin


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